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Die Reisenden

 

Der alte Mann bestieg in Passau die Eisenbahn. Bei sich trug er neben Portemonnaie, mitsamt Fahrschein, seinen Schlüssel und eine Tageszeitung, welche er in der Eisenbahn zu lesen pflegte. Der alte Mann ging gerne seinen Gewohnheiten nach und eine davon war, jeden zweiten Freitag seine Tochter in Linz zu besuchen. Er nahm an Fenster Platz, wie er es stets tat. Noch bevor die Eisenbahn sich schleppend in Bewegung setzte, schlug er die Zeitung auf. Gewöhnlicherweise war er mit dem Mantelteil der Gazette bis zum Hauptbahnhof in Wels fertig, sodass er bis Linz noch Zeit hatte, den Sportteil zu überfliegen. An jenem Freitag war der Eisenbahnwaggon, in welchem der alte Mann seinen Platz eingenommen hatte, mit Menschen überfüllt. Ein junger gepflegter Mann setzte sich neben den alten Mann, welcher jedoch bereits in sein Tagesblatt vertieft war und den jungen Mann erst wahrnahm, als die Eisenbahn bereits vor einiger Zeit den Bahnhof verlassen hatte und der junge Mann den alten Mann ansprach: „Entschuldigen Sie bitte“, sagte er. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn wir die Plätze tauschen würden?“ Der alte Mann sah kurz von seiner Zeitung auf, musterte den jungen Mann und knurrte missbilligend: „Ja, es würde mir allerdings etwas ausmachen.“ Er versenkte seinen Blick wieder in die Gazette. Nach einem Augenblick fragte der junge Mann ihn: „Weshalb würde es Sie stören?“ „Weil ich nun einmal immer hier sitze.“, antwortete der alte Mann ohne den Blick von dem Tagesblatt zu heben. „Nun, aber, Sie schauen gar nicht aus dem Fenster. Sie schauen bloß auf Ihre Zeitung.“ „Wieso sollte ich auch aus dem Fenster sehen? Hören Sie, ich kenne diese Strecke auswendig, ich fahre zwei Mal im Monat genau mit dieser Eisenbahn und auch genau auf diesem Platz.“, sagte der alte Mann ungeduldig. Die Züge des jungen Mannes belebten sich. „Nein!“, fuhr er leidenschaftlich auf. Der alte Mann ließ die Zeitung nun unwillig sinken. „Wie bitte?“, sagte er. „Nein“, wiederholte der junge Mann. „Sie kennen den Ausblick sicher nicht auswendig, nein.“ „Ach, hören Sie doch auf. Die Donau, ich sehe sie immer. Sie fließt dahin, jeden Freitag gleich. Die Bäume sind nun grün, so kenne ich sie. Mal sind sie kahl, nun sind sie grün, aber ich kenne sie immer.“ Er hatte seinen Blick kurz aus dem Fenster gelenkt und sah den jungen Mann nun verdrießlich an. Dieser jedoch schien keineswegs seine Meinung geändert zu haben oder den Elan verloren zu haben den alten Mann zu belehren. Er hob erneut an zu sprechen: „Gewiss, die Donau wird wohl jeden Freitag fließen! Gewiss, die Bäume ändern ihre Pracht von Jahr zu Jahr gleich! Auch die Berge werden Sie immer sehen, wo Sie sie auch vor zwei Wochen sahen! Doch nein, versenken Sie ihren Blick nicht stets in die Zeitung, schauen Sie nach draußen, wie die Eisenbahn durch die wogenden grünenden Feldermeere gleitet, so wie ein Dampfer das Meer durchschneidet! Die Welt ist niemals gleich, jeder Augenblick bedeutet Wandel, steten Wandel, der die Welt langsam formt. Es braucht Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte, um Flussläufe zu ändern und Sie werden nach zwei Wochen keinen Unterschied bemerken, doch da! Sehen Sie, die Hasen, wie sie auf den Feldern tollen und uns nun vorüberziehen sehen; wie sie in ihrem Spiel innehalten und nach uns lauschen. In zwei Wochen werden Sie sie wahrscheinlich nicht sehen. Und sehen Sie hier! Die Felder, der Raps, nur noch ein Schleier Gelb ist geblieben, von der einstigen Pracht, nur noch ein Schatten des Leuchtens, wie es noch vor einigen Wochen war! Auch die Kastanien blühen nicht mehr, sie zeigen erste Früchte. Bloß die Robinien winken uns mit ihren blütenschweren Ästen träge zu. Und die Häuser füllen die Täler und drängen sich wachsam an die Berghänge. In ihren gläsernen Blicken spiegelt sich der wolkenlose Himmel. Ist es nicht wunderschön? Und dort, verlassene Bauten schauen mit milchigen Fenstern sehnsüchtig unserer eilenden Eisenbahn hinterher, wie sie uns Reisende durch Städte, Felder, Wälder und Berge führt. Wie wir Reisende voyeuristische Blicke auf Welten fremder Landschaften uns erlauben dürfen! Fast unbemerkt bahnt sich die Eisenbahn ihren Weg durch diese Hänge, und wir! Wir Glücklichen können unseren Blick müßig schweifen lassen. Über den blühenden Holunder, der diesen Weg säumt. Versprengter Mohn leuchtet in den Feldern – wird er in zwei Wochen verwelkt sein? Die schemenhaften Serpentinen in den fernen Bergen - heute sieht man sie. Wird es in zwei Wochen diesig sein? Schauen Sie! Ein Grasblütenschleier liegt auf dieser Wiese, wird sie in zwei Wochen gesichelt worden sein? Der Hahnenfuß blüht herrlich, er tupft fließendes Gelb in die Wiesen. Und auch die Apfelrose verzückt mit ihren kleinen Blüten inmitten all des Grüns. Die Maibäume allerorts, werden sie in zwei Wochen noch stehen mit ihren hohen Kränzen? Alles ist doch bloß vergänglich, alle zwei Wochen sehen Sie eine neue Welt im alten Rahmen der Donau und der Berge. Wie können Sie widerstehen?“ Der alte Mann hatte mit wachsender Verwirrung den Worten des jungen Mannes gelauscht und war mit irrem Blick dessen Finger gefolgt, wie er trunken auf die Landschaft gedeutet hatte. Erst schwieg er, dann sagte er sich wieder fassend: „Was reden Sie nur? Ich bin ein alter Mann. Ich habe die Maibäume schon oft in meinem Leben gesehen ebenso wie aufgescheuchte Hasen und blühende Robinien. Es ist nichts neues da draußen, was mich reizen könnte; was mein Empfinden noch so anrühren könnte wie bei Ihnen. Sie reisen wohl nicht oft?“ Der junge Mann schaute ihn wie aus einem Traum hinaus an. „Ich? Nein, nein, ich reise so oft ich kann! Immer mit dem Zuge, denn ein unerschöpflicher Reichtum an Schönheit bietet sich mir dar. Und wissen Sie, wenn ich nun sterben sollte, was würde ich bedauern? Ich würde es bedauern die Robinien in  diesem Jahr nicht mehr blühen zu sehen! Nicht mehr sehen zu können, wie die Blätter ihr Gewand in leuchtendes Rot und schillerndes Gelb ändern! Und ich würde es bedauern, den ersten Schnee nicht mehr sehen zu können, wie er die Landschaft bedeckt und in schönen Flocken lautlos vom Himmel fällt, aus diesen großen, grauen Wolken! Auch ich habe schon hunderte Male die Hasen im Felde spielen sehen, schon hunderte Male, ja! Dennoch: Es entzückt mich mit jedem Male mehr ihre zarte Neckerei zu beobachten. Jedes Jahr erblicke ich erneut verwundert die Blütenpracht, obschon ich sie tausendmal sah. War sie nicht letztes Jahr bloß halb so schön? Ist sie nicht dieses Jahr so schön wie nie zuvor? Und wird sie im nächsten Jahr nicht noch schöner werden?“ Er hatte hastig gesprochen, sodass der alte Mann ihm nur schwer hatte lauschen können. Sie erreichten derweil Grieskirchen-Gallspach, welches ganze fünf Haltestellen vor Linz lag. Der alte Mann sprang mit einem Male behände auf und verließ ohne sich umzusehen oder sich zu verabschieden eilends den Zug, wobei er seine Zeitung auf seinem Platz liegen ließ. Erstaunt blickte der junge Mann ihm nach, setzte sich dann an den Fensterplatz, nahm die Zeitung auf und blickte auf den Bahnhof, wo der alte Mann verwirrt mit starrem Blick auf die Eisenbahn stand. Diese setzte sich nun zögernd in Bewegung und ließ den alten Mann an der kleinen Haltestelle zurück, von wo aus der alte Mann seine Tochter anrief und ihr das erste Mal seit fünf Jahren seinen Besuch absagte. Sie fragte: „Papa, was ist denn los? Was machst du denn jetzt?“ Der alte Mann sagte nach einer kleinen Pause: „Susa, ich muss spazieren gehen. Hast du die Robinien gesehen, wie sie blühen? Weißt du, vielleicht bin ich nächstes Jahr nicht mehr hier-“ „Papa!“, unterbrach sie ihn. „Ist irgendetwas passiert?“ „Nein, nein. Aber heute muss ich bloß spazieren gehen, sorge dich nicht, ich werde dich anrufen und dich bald besuchen.“ Und so wandelte der alte Mann verwirrt durch eine Landschaft, welche er niemals vorher gesehen zu haben meinte.

 

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