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Der großartige Herr Klein

 

Für Anna,  Linda und Franzisko

 

Bereits vor einigen Jahren versuchte ich mich mit mäßigem Erfolg an der Schriftstellerei. Ich musste baldig einsehen, dass dieses Metier nicht meinen Talenten entspricht und so mögen Sie mir all die Kunstfehler verzeihen, die ich gewiss machen werde. Doch ich habe einen Grund, noch ein weiteres Mal die Schreibmaschine vom Boden zu holen, obgleich der letzte Versuch wenig ruhmreich in Erinnerung bleiben wird. So möchte ich Ihnen nämlich von dem großartigen Herrn Klein erzählen, denn ich hatte die Ehre, ihn selbst damals kennen zu lernen. Und da ich gewiss bin, dass sie diesen Namen noch nie gehört haben, werden Sie wohl verstehen, weshalb ich, ein wenig begnadeter Schreiber, versuche all jenes, dem zum Trotz, doch in Worte zu fassen. Heute, so viele Jahre sind vergangen, sitze ich ruhig in meinem Fauteuil und mag mich an diese Zeit zurück erinnern. Gerade hatte ich mein Matura mit einem Durchschnittlichen Ergebnis abgeleistet. Nun aber wusste ich nichts mehr mit mir anzufangen und musste doch, um mein kleines Leben zu finanzieren, mir mit einigen Arbeiten etwas Geld verdienen, dem Gelde hinzu, das meine Eltern mir monatlich zukommen ließen. Einer dieser vielen Jobs war der des Kellners. Ich mochte diese Tätigkeit nicht gerne leiden und doch ist es gerade dies, was mir auch nach so vielen Jahren noch als etwas überaus Gutes im Gedächtnis ist. Nicht nur das Trinkgeld bot eine Besonderheit, nein, vielmehr waren es die Menschen, die ich tagtäglich beobachtete. Einige kamen in Regelmäßigkeit, andere kamen einmal und dann doch nie wieder. Ich sah ihnen zu, wie sie kamen, manche hektisch, andere beinahe verirrt, und noch andere kamen in gewohntem Trott. Bereits nach einigen Wochen im Café Strauss kannte ich viele der Kunden und auch viele kannten mich, sprachen mich mit Namen an und grüßten mich. Es war eine freundliche Höflichkeit, eine distanzierte aber nicht kühle Atmosphäre im Café Strauss.

 

Eines Nachmittages nun, ich erinnere mich an ein recht belebtes Café, saß links am Ecktisch zur Küche ein älterer Herr, der mir gänzlich unbekannt war. Er trank einen Kaffee, nur mit etwas Milch, doch er blieb lange nachdem die Tasse geleert war. Wie es meine Pflicht war, fragte ich nach, ob er nicht eine weitere Tasse Kaffee trinken wolle, doch er sah mich nur einmal durchdringend an und verneinte. Ein weiteres Mal fragte ich ihn nicht, so seltsam war mir sein Blick gewesen. Er las in einer Zeitung, wie täglich einige im Café Strauss ausgelegt wurden, doch einige Mal bemerkte ich, wie er zu mir herüber schaute. Dann, das Café würde bald schließen, erhob er sich und schickte sich an zu gehen. Ich nahm die leere Tasse vom Tisch und stellte in tiefer Gewohnheit die Summe des Trinkgeldes fest. Er hatte keins gegeben. Aber es lag noch ein kleines Buch auf dem Tisch. Es war in Pappe gebunden und nichts deutete auf einen Verlag hin, nicht einmal Titel oder Autor waren auf den Umschlag gedruckt. Ich eilte dem Herrn hinterher, um ihm das Buch, welches er wohl vergessen haben mochte, nach zu reichen. Doch als ich ihn eilig ansprach, schaute er mich nur ruhig an. „Nun“, sagt er: „dieses Buch ist für Sie. Ich habe Sie beobachtet. Unstete Augen… ich denke dieses Buch nützt Ihnen mehr als das kleine Trinkgeld, dass ich Ihnen hätte geben können.“ So ließ er mich also durchweg verblüfft zurück. Ich verstand nicht, wie ein Buch nun mein benötigtes Trinkgeld ersetzen sollte. Dennoch steckte ich es in meinen kleinen Beutel, in welchem ich meine Mittagsmahlzeiten zu transportieren pflegte.

 

Am Abend dann, ich kam erschöpft heim, legte ich beim alltäglichen Sortieren der Tasche das Buch auf meinen bescheidenen Schreibtisch und vergaß es für die nächsten zwei Tage. Folgend, ich hatte eine frühe Schicht im Café hinter mir, nahm ich es wieder in die Hand. Wie ich bereits erkannt hatte, war es kein üblich publiziertes Buch, sondern ein Eigendruck. Man hatte dunkelgrüne Pappe als Einband verwendet, ohne Zier und selbst ohne Titel oder Autorennamen. Ich setzte mich und schlug das Büchlein auf. Die Seiten waren sehr dünn, es war also umfangreicher als ich ursprünglich angenommen hatte. „Die schlichte Romantik des Alltäglichen“ stand auf der ersten Seite und als Autor war K. Klein angegeben. Ich begann zu lesen.

 

Nun, bereits im Voraus, bevor ich diesen Artikel – oder späten Nachruf – zu schreiben begann, habe ich nachgesonnen, wie ich beschreiben könnte, was passierte, als ich dieses Buch las. Allerdings merkte ich baldig, dass ich es nicht in Worte fassen kann, wie es mich bewegte. Es war so, als hätte man in mir ein Fenster geöffnet und das erste Mal in meinem Leben schmeckte ich frische Luft. Es war gerade so, als würde das Buch mir die Welt zeigen, wie sie tatsächlich ist, nicht wie ich sie Tag für Tag wahrgenommen hatte, durch einen Schleier  meiner Gedanken, Träume und Wünsche. Ich hoffe sehr, dass Sie annähernd erahnen können, wie sehr es mich veränderte, jede Seite mich mehr in ihren Bann zog und mich formte. Ich legte es – ohne beim Lesen in all den Stunden eine Pause gemacht zu haben – benommen beiseite, als ein neuer Mensch, der in mir geboren worden war. Ich schaute mich in meinem Zimmer um, und es kam mir vor, als hätte ich es noch nie gesehen, als würde ich es erstmalig wahrnehmen. Ich nahm meine Jacke und machte einen Spaziergang in den Abend hinein, denn ich musste die Welt neu entdecken, sie mit neuen Augen neu erforschen.

 

Fortan brannte ich darauf, den Mann, der mir dieses unglaubliche Geschenk gemacht hatte, wieder zu treffen. Erwartungsvoll harrte ich Tag für Tag aus, mit sehnsüchtigem Blicke auf die Café Tür. Ich verlängerte meinen Arbeitsvertrag, nur um der Hoffnung willen, ihn wieder zu treffen. Tatsächlich, es war ein Tag im März, betrat er am frühen Vormittag die Wirtschaft und setzte sich an eben jenen Ecktisch zur Küche hin. Plötzlich fragte ich mich, wie ich ihn ansprechen sollte, doch es fiel leichter als vermutet; als ich seine Bestellung aufnahm, fragte er mich, ob ich das Buch denn gelesen hätte. Vieles hätte ich ihm sagen können; wie sehr es mich verändert hatte; wie sehr ich ihm dankbar dafür war. Doch ich bejahte schlicht und fragte ihn, ob ich mich nach meiner Schicht zu ihm setzen dürfte. Er nickte wohlwollend. So arbeitete ich zwei weitere Stunden brennend vor Fragen. Zur Mittagszeit hängte ich die Schürze beiseite und betrat nun als Kunde das Café. Er saß noch an dem Tisch, er las wie damals in der Zeitung und ich setzte mich zu ihm. Einen Moment lang herrschte Schweigen, dann forderte er mich auf, ihm zu sagen, wie es mir gefallen hatte. Geradeheraus gestand ich ihm ein, dass ich nie ein großer oder gar begeisterter Leser der Literatur war, doch dieses Werk hatte mich komplett verändert. Der ältere Herr sagte: „Kafka schrieb: „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ und ich finde er hat damit vollkommen recht.“ Ich nickte bloß betäubt. „Wer ist dieser K. Klein?“, fragte ich dann. Der Mann lächelte wieder sein wohlwollendes Lächeln und sagte: „Konrad Klein, das bin ich!“ Verwundert blickte ich auf. Noch ein Schwall Fragen wollte hinaus brechen, doch ich wusste nicht, mit welcher ich beginnen sollte. Doch Konrad Klein stand abrupt auf. „Ich werde nun gehen müssen, aber wenn Sie mögen, kommen Sie morgen zu mir!“ Damit legte er eine kleine Visitenkarte auf den Tisch, neben das Geld für seinen Kaffee. Ich sah, dass er diesmal auch Trinkgeld gab. Doch ich beneidete meinen Kollegen nicht, der sich beflissentlich für das Geld bedankte, hatte ich doch etwas Wertvolleres von Konrad Klein erhalten dürfen.

 

So stand ich am nächsten morgen, gleich nach meiner frühen Schicht vor der Tür, die zur der Adresse auf der Visitenkarte gehörte. Es war ein Antiquariat mit staubigen Fenstern und einer abblätternden Goldschrift „Antiquariat Klein“ über dem Schaufenster, in welchen unzählige Bücher lagen, deren Titel mir allesamt unbekannt waren, sofern ich sie entziffern konnte. Ich trat ein und schreckte eine Sekunde vor den muffigen Geruch zurück. Ein kleines Glöckchen hing über der Tür und kündigte meinen Besuch an als ich sie öffnete. Ich hörte leise Stimmen und als ich näher trat, bemerkte ich, dass es ein Verkaufsgespräch war. „… immerhin ist es die Originalausgabe von 1927…“, hörte ich Herrn Klein sagen. „Originalausgabe? Also ich halte es für ein Rezensionsexemplar. Hören Sie, ich werde es mir noch einmal überlegen und Ihnen dann Bescheid geben.“ „Gut, in Ordnung, vielen Dank.“, sagte Herr Klein und der Kunde trat aus einer Ecke des Ladens hervor. Herr Klein folgte ihm und wünschte ihm noch einen schönen Tag, als er sich mir zuwandte. „Ah da bist du ja. Wie war die Schicht im Café? Du hattest doch Schicht, oder?“ Ich nickte und er winkte mich zwischen einigen Regalen hindurch zu einem kleinen Tisch, von dem er ein paar Bücher räumte, damit wir in Ruhe Tee trinken konnten. Ich wunderte mich nicht darüber, dass er mich plötzlich mit Du anredete und es störte mich auch nicht. Er schaute fragend als er seine Pfeife hervorzog und ich nickte ihm zu, dass es mich nicht störte wenn er sie anzündete. Paffend fragte er mich, ob ich Student sei. „Nein“, antwortete ich etwas unsicher. „Ich habe zwar mein Matura abgeleistet, doch ich habe mich nicht tatsächlich für ein Studium interessieren können.“
“Und die Caféarbeit machst Du wegen des Geldes?“ „Ja.“ Es herrschte einen Moment lang Stille und ich sah mich neugierig um. Dann wandte ich mich wieder Herrn Klein zu. „Weshalb haben sie das Buch selbst gedruckt? Es ist fantastisch, mehr Leute müssen es lesen, es muss publiziert werden!“ Er schnaubte und sagte dann: „Weißt du, ich habe einige Zeit nachdem ich es geschrieben habe versucht einen Verlag zu finden, welches es herausbringt. Doch keiner wollte es in sein Programm aufnehmen, sie alle fanden, dass es nicht zu ihrem Verlag passe.“ Ich konnte es kaum glauben. „Aber … Sie dürfen das nicht aufgeben.“, versuchte ich wieder anzuknüpfen, doch er unterbrach mich. „Ich denke nicht, dass ich es publizieren sollte. Ich verrate dir warum, indem ich dir von dem Tag erzähle, an dem ich die letzte Absage bekam. Ich saß in einem kleinen Café unweit des Praters und las mir die Absage immer wieder erbost durch. Ich  wusste es – mein Buch war genial. Warum wollte es niemand verlegen? Mindestens ein Exemplar trug ich beinahe immer bei mir – auch an jenem Tag. Ich zog es hervor und starrte es lange an. War es doch nicht so genial wie ich dachte? Als die Kellnerin kassieren kam, ließ ich das Buch einfach auf dem Tisch liegen. Sie lief mir – wie du – nach und wollte es mir reichen. Doch ich war schlechter Laune und sagte sie solle es einfach wegwerfen. Auch in meinem Antiquariat hatte ich vergeblich versucht den Eigendruck zu verkaufen. Drei Exemplare habe ich verkauft! Und davon eins auch nur aus Mitleid, das weiß ich. Vielleicht wurden diese Exemplare nie gelesen. Wer weiß das schon.“ Er machte eine Pause und stopfte seine Pfeife neu. „Dann ging ich ein paar Tage später wieder in das Café und die Kellnerin kam sogleich herbeigestürzt – Marie war ihr Name – und fragte mich – ja, auch wie du – nach dem Autor des Buches. Ein wenig stolz sagte ich ihr, dass ich dieses Buch geschrieben hätte und sie sagte mir dass es großartig sei. Und da! Da wurde mir bewusst, dass dieses Buch kein Buch für die Masse ist! Nein! Die Verlage hatten Recht, es passt nicht in ihre Programme, es würde kaum verkauft werden, denn die wenigsten Menschen würden etwas damit anfangen können. Und so sprach ich mit Marie und wir entwickelten den Plan, die restlichen 46 Exemplare, die ich noch besaß, an Menschen zu verteilen, die vielleicht etwas damit anfangen können. Ich gab Marie einige Exemplare und sie versprach diese an der Universität an Mitstudenten zu verteilen, die sie dafür geeignet hielt. Und ich begann in verschiedene Cafés zu gehen während meiner Mittagspause, um junge Menschen zu suchen, denen ich ein Buch vermachen konnte.“ Etwas sprachlos sah ich ihn an. Ich hatte meinen Tee ganz vergessen und nahm nun einige Schlucke. „Wie lange ist das her?“, fragte ich dann. „20 Jahre“, sagte Herr Klein und lachte mit seiner tiefen Stimme. „Zwanzig Jahre!?“, stieß ich hervor. „Und die Bücher sind noch nicht alle verteilt!?“ Er lachte noch einmal. „Nein“, sagte er dann. „Noch nicht. Anfangs war es frustrierend. Marie und ich hielten vergeblich Ausschau nach geeigneten Leuten, doch es fand sich kaum einer. Wir beide glaubten fest das Potenzial des Buches und wollten es nicht einfach blindlings herausgeben, denn das hätte niemandem genützt. Doch mit den Jahren haben wir einen Blick dafür entwickelt, welche Menschen das Buch aufnehmen können.“ „Also hilft Marie Ihnen noch?“ „Ohja!“, sagte er und lachte wieder. „Vor 10 Jahren haben wir geheiratet.“
Ich musste etwas lächeln. Das Glöckchen klingelte und Herr Klein bat mich kurz zu warten. Er ging nach vorne in den Laden und sprach mit dem Kunden. Ich hörte die Stimmen, doch konzentrierte mich nicht auf das Gesprochene. Stattdessen schaue ich mir die Buchtitel in den Regalen an. Einige kannte ich tatsächlich aus meiner Schulzeit, Titel, die wir lustlos durchgekaut hatten und denen ich nie viel Interesse hatte entgegen bringen können. Nun, als der neue Mensch, der ich war, nahm ich Probeweise Fontanes „Irrungen Wirrungen“ aus dem Regal und begann zu lesen. Als Herr Klein nach einigen Minuten zurückkehrte, fand er mich lesend vor, tief versunken. Er sprach mich an, und ich reagierte bloß auf den Klang seiner Stimme. „Großartig“, murmelte ich verwirrt. „Ich habe dieses Buch in der Schule lesen müssen und es als quälend zäh empfunden! Nun! Nach Ihrem Buch! Ist es, als hätte ich es noch nie gelesen – oder zumindest in einem anderen Leben!“ Herr Klein setzte sich wieder und goss uns neuen Tee ein. „Nimm das Buch ruhig mit. Du kannst gerne auch andere Bücher hier lesen – ich meine mich zu erinnern, du hättest gestern noch behauptet niemals ein großer Leser der Literatur gewesen zu sein. Vielleicht hat es sich ja geändert! Vielleicht findest du nun Gefallen am Lesen.“
Ich nickte dankbar und steckte das Buch ein.

 

Von nun an kam ich fast täglich in das kleine Antiquariat, selbst als ich angefangen hatte in Deutschland zu studieren, kam ich regelmäßig her. Ich lernte Marie Klein kennen, eine kleine warmherzige Frau, die ihren Mann wo es ging unterstützte. Im dritten Sommer nachdem ich Konrad – ich duzte ihn nun – kennen gelernt hatte, strichen wir gerade die Fassade des Ladens neu, als Marie aufgeregt herauskam. „Konrad!“, rief sie. „Konrad! Wir bekommen ein Kind!“ Anna Klein kam 8 Monate später zur Welt und ich hielt sie im Krankenhaus auf dem Arm und freute mich über dieses kleine Wesen. Ich lernte des Weiteren Johannes und Linda kennen, welche wie ich die Kleins kennen gelernt hatten – durch das Buch Konrads. Johannes war Schüler der Privatschule, in der Marie Biologieunterricht gab und Linda war Kellnerin, nur zwei Cafés weiter als das, in welchem ich gekellnert hatte. Wir verbrachten viele Abende gemeinsam im Antiquariat und diskutierten über Neuerscheinungen auf dem Literaturmarkt oder über Klassiker der Literaturgeschichte. Konrad saß meist mit seiner Pfeife daneben und warf ab und zu ein paar Gedanken in die Runde, welche wir begierig aufnahmen. Wir kamen uns wie ein Kreis Eingeschworener vor, welche die Gunst erwiesen bekommen hatten, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Nach einigen Monaten stieß Franzisko dazu, welcher mit Linda zur Universität ging und dem sie das Buch zu lesen gegeben hatte. Auch er war angesteckt worden von unserem Virus, von unserem Denken und Erleben. Ganz wurden wir uns nie einig, wie genau uns das Buch verändert hatte, doch in einigen Punkten stimmten wir überein: Wir alle vermochten die kleinen Schönheiten des Alltags plötzlich wahrzunehmen. Wir alle hatten unser Interesse an der Literatur entdeckt. Wir alle fühlten intensiver als je zuvor und dachten und beobachteten klarer als vor dem Lesen. Jeder hatte noch seine eigene Verbindung zu dem Buch, jeder seine eigene Wahrheit darin gefunden. Ich ging also nach Deutschland und studierte Literatur und Geschichte. Einmal im Monat reiste ich nach Wien zum Antiquariat. Im Frühjahr meines 2. Studienjahres rief mich Marie aufgelöst an. Konrad hatte einen Schlaganfall erlitten und ich müsse unbedingt kommen. Ich verständigte meine Professoren und saß noch am folgenden Tage im Zug nach Wien. Doch ich kam zu spät. Konrad war gestorben, noch als ich im Zug saß. Anna war gerade 5 geworden und saß weinend mit Marie im Krankenhaus als ich ankam. Mein Mentor war tot.

 

Nun, 15 Jahre später, schreibe ich dies. Marie ist letztes Jahr gestorben und auch Johannes ist tot. Die Zeit rafft meine alten Freunde dahin und auch die Bücher sind uns ausgegangen. Alle haben wir verteilt, in Österreich und in Deutschland, an Reisende, Kellner, Schüler und Studenten, an Wartende und Eilende, an alle, die suchende Augen hatten. Nie hatten wir vor es nach zu drucken oder es einem Verlag anzubieten, denn das würde niemandem nutzen. Vor drei Monaten gab ich meine eigene Ausgabe aus der Hand. Ich war in Düsseldorf auf einem Kongress und traf in der Hotelbar auf eine junge Kellnerin, welche ich sofort als geeignet erkannte. Ich bezahlte und legte das Buch neben die Rechnung. „Mein Herr, sie haben etwas vergessen!“, sagte sie, als sie mich an der Garderobe eingeholt hatte. Ich schaute sie ruhig an. „Nun“, sagt ich: „dieses Buch ist für Sie. Ich habe Sie beobachtet. Unstete Augen, ja, ich denke dieses Buch nützt Ihnen mehr als das kleine Trinkgeld, dass ich Ihnen hätte geben können.“ So ließ ich sie also durchweg verblüfft zurück.

 

Wenn ihr diese Geschichte für eure Seite (oder sonstiges) kopiert, dann verweist bitte auf mich und hinterlasst mir ebenfalls einen Eintrag im Gästebuch mit Link. Danke! 




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