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Das Sardonische Lachen

 

Es war das Jahr, in dem ich einen längeren Aufenthalt am Bodensee vorgesehen hatte, beginnend mit den Bregenzer Festspielen. Ich hatte schon lange im Voraus den Plan, mir Bizets Oper Carmen auf der Bregenzer Seebühne anzusehen und konnte mich letztendlich aus einigen geschäftlichen Terminen erfolgreich herauswinden, sodass ich einige Tage Zeit hatte, auch rund um die Seebühne die Bodenseegegend genauer zu erkunden.So traf ich einige Tage vor Spielbeginn in Bregenz ein. Ich quartierte mich in einem der seegewandten Hotels ein und bereitete mich auf einige entspannte Tage, welche ich vorhatte kulturell noch etwas anzureichern, vor. Ich liebte diese unabhängigen, zur Neugierde lockenden Reisen; in kleinen Hotels, in denen man in abendlicher Runde Konversation führen konnte, mit immer neuen Gestalten; immer neuen Geschichten, die man nachdenklich mit nach Hause führen konnte, und doch blieben sie in angenehmer Ferne, als hätte man sie emotional doch im Hotel vergessen. Manch eine gesellige Runde hatte sich bereits während meiner Reisen in den Hotels gebildet, wo man sich am Abend zu Schach oder Konversation traf. Und so kam es auch immer wieder vor, dass ich gelegentlich auf mir bekannte Gestalten traf; sie waren mir vielleicht auf Reisen begegnet; auf gesellschaftlichen Abenden; im Beruf oder über Freunde hatte ich ihre Bekanntschaft gemacht. Meist fand ich es doch fast beruhigend ein bekanntes Gesicht in die mir noch unbekannte Gegend gestreut zu finden. Doch überwiegend genoss ich die träge Anonymität, die mich auf Reisen begleitete. Es verlieh mir schon immer das beschwingte Gefühl von einer Art Freiheit. Auch reizte mich das Neue, das durch nichts Bekanntes zu meinem restlichen Leben anknüpfte. Es schien mich geradezu herauszufordern, auf jeder Reise ein neuer Mensch zu sein, als immer neuer Mensch immer neue Orte zu erkunden; als immer neuer Mensch, immer neuen Menschen zu begegnen. Das Reisen gab mir die Möglichkeit ein weiteres Leben zu leben, eine fremde Welt zu betreten, und doch, immer wartete ein Heim, eine Zuflucht, eine gesicherte, in Bahnen laufende Alltäglichkeit auf mich, in die ich jederzeit wieder eintauchen konnte. So kam es, dass ich in jenem Jahr, in jenem seegewandten Hotel, zum Abend dinierte, und draußen die Herrschaften vorbei flanieren sah, wie sie die frische Luft genossen und diskret plauderten. Eine Dame mittleren Alters kam mit ihrem Begleiter vorbei, und kaum dass sie mich sah, hob sie die Hand zum Gruß. Schon wie ein Reflex erwiderte ich den Gruß, und als sie bereits vorüber gegangen war, überlegte ich noch, woher mir ihr Gesicht aus der Vergangenheit hervorblitzte. Auf vielen Reisen begegnen einem viele Gesichter. So sann ich eine gute Zeit darüber nach, woher wir uns kennen mochten, jene Dame und ich. Es kam die Erinnerung an meinen alten Freund W. Dieser hatte mir vor einigen Jahren, ich mag es gar auf 20 schätzen, seine gute Bekannte L. vorgestellt, eine junge Dame, frisch verheiratet und hochschwanger. Lange dauerte es, bis ich die Dame vor dem Fenster als eben diese Frau L. erkannte. Ihr Gesicht war kantiger geworden, härter. Und doch, ich rechnete nach, erschien sie mir dort am Bodensee um einiges älter zu sein, als sie es überhaupt sein konnte. Ich beendete das Diner und begab mich auf mein Zimmer, wo ich noch einige Zeit überlegte, ob jene Frau vorm Hotel tatsächlich Frau L. gewesen sein mochte. Den nächsten Tag verbrachte ich damit, mir die Bregenzer Gegend näher zu bringen und so vergaß ich mein kurzes Treffen mit Frau L. Die Tage verstrichen schnell, ich ließ mich ein wenig dahin treiben ohne müßig zu sein; ich besichtigte Martinsturm und das Landesmuseum. Bereits nach meinem Besuch der Seebühne – mit einer großartigen Darbietung der Carmen – machte ich noch einige Ausflüge, auf dem Lande, aber auch mit dem Boot auf dem Bodensee. So kam es, dass ich Frau L. wieder traf, als ich an meinem vorletzten Tage in einem kleinen Restaurant in Bregenz zu Mittag aß und den Ausblick auf den Gebhardsberg genoss. Vor wenigen Tagen erst hatte ich mich mit der Seilbahn hinauf tragen lassen und die Stadt von der Höhe aus betrachten können; auch hatte ich einige Postkarten in die Heimat gesendet, auf welchen der Gebhardsberg zu erkennen war. Selbst die Burgruine hatte ich besichtigen können, wenngleich sie mir wenig imponiert hatte, da ich auf meinen Reisen bereits einige Zeugnisse alter Zeiten betreten durfte, welche in weitaus größerem Masse beeindruckten. Dem Anschein nach hatte sie mich durch die Frontscheibe des Lokals erkennen können und betrat nun die Wirtschaft, wobei sie dem Kellner einen Wink gab, dass sie gedachte sich zu mir zu setzen. Sie grüßte mich höflich, wobei ich aufstand und ihr den Stuhl zu meiner Linken anbot. Der Kellner brachte tatsächlich einen Aperitif und als er fort war, stellte sie sich als eben jene Frau L. vor, als die ich sie bereits vor Tagen erkannt hatte. Wie es mir gewohnte, begannen wir ein seichtes Gespräch, über unsere Angelegenheiten in Bregenz; wie sich herausstellte, hatte auch Frau L. die Darbietung der Carmen angesehen. Eine Weile unterhielten wir uns darüber. Als es dann, nachdem der Kellner ihren Essenwunsch notiert hatte, zu einer kurzen Pause kam, fragte ich sie, wie es ihr in den letzten Jahren ergangen sei. Wie es meine Gepflogenheit war, erwartete ich eine ebenso triviale Antwort, wie ich sie oft auf meinen Reisen zu hören bekam. Doch Frau L. beugte sich jäh nach vorne und blickte mir geradewegs in die Augen. „Möchten Sie nun eine ernsthafte und tiefgehende Antwort hören?“
Ich bejahte etwas verdattert und erwartete nun einige Klagen über die vergangen Jahre. „Nun“, begann Frau L.: „Wie Sie sich vielleicht entsinnen, war ich guter Hoffnung als wir uns das letzte Male bei dem lieben W. trafen. Es wurde ein Knabe und mein Mann K. und ich benannten ihn M. Er war ein ruhiger und freundlicher Junge. Als kleines Kind machte er mir und der Gouvernante selten Ärger. Auch in der Schule fiel er mehr als positiv auf. K. und ich waren voller Stolz.“ Sie nahm aus ihrer Tasche ein Schachtel mit Zigaretten, wovon sie sich eine ansteckte, ohne mir eine anzubieten. Auch als der Kellner ihre Bestellung brachte, beachtete sie ihn nicht, sondern fuhr fort.
„So ein Lebewesen wachsen und reifen zu sehen, ist etwas, was ich nicht vergleichen kann. Ich sah K.s Augen und meinen Mund in seinem Gesicht und doch war M. nicht bloß die Verbindung zweier Menschen, sondern ein ganz eigenes Wesen.
Wie begeistert er mich das erste Mal ins Theater begleitete! Wie er K. an den Lippen hing, wenn dieser im aus Der Schatzinsel vorlas. Nun. Ich erinnere mich an so viele Momente. Wie er die Unterlippe vorschob, wenn er las. Wie er die Stirn kraus zog, wenn er versuchte etwas zu begreifen. Wie er die Hände faltete wenn er nachdachte. Ja!“ Frau L. zog an ihrer Zigarette und schaute hinaus auf den Gebhardsberg, der mit leichten Wolkenschleiern sich präsentierte. Einen Moment lang fragte ich mich, ob sie weiter sprechen würde, doch ich wagte nicht, sie zu bedrängen, zumal mir die Konversation auf einer Ebene angelangt war, die ich auf Reisen nicht schätze; ich mochte es nicht, wenn die Leute emotional wurden. Gerne hörte ich zu, wie meine Konversationspartner jede Lage ihres Lebens mit einem Zwinkern oder einer Zote würzend berichteten. Ernste und wahre Gefühle jedoch verdarben mir die Leichtigkeit der Reise und ich ließ diese Art von Geschichten nur allzu gern hinter mir, wenn ich die Eisenbahn bestieg und bald wieder in die Heimat eintauchen würde. Frau L. warf mir einen Seitenblick zu, der mich ahnen ließ, dass sie um meine Abneigung ihrer offenen Emotionen wusste, doch sich nicht darum scheren würde. Ich bereute es, sie nach ihren vergangenen Jahren gefragt zu haben, und ich war mir sicher, dass sie dies wusste und es vielleicht genoss, diesen vorletzten Tag meiner Reise zu verderben. Sie wandte sich mir wieder zu und drückte ihre Zigarette aus. „Als er sieben wurde ging ich mit ihm in die Stadt um ihm neue Schuhe zu kaufen. Schuhe! Ja, solche Banalitäten sind es dann. Wir waren auf dem Weg zu dem Schuster V. – er ist Ihnen vielleicht noch bekannt – als ich eine alte Bekannte traf, mit der ich mich etwas unterhalten mochte. M. nun, von Tieren begeistert, seit K. ihn mit zu seiner Tante nahm, welche einige Pudel besaß, entdeckte auf der anderen Straßenseite wohl – wissen Sie, ich kann nur raten – einen Hund oder so etwas. Er ließ meine Hand los und noch bevor ich ihn ermahnen konnte, in der Nähe zu bleiben, war er bereits an der Straße angelangt und gedachte hinüber zu laufen. Er schaute nach links und rechts, ja!, wie die Gouvernante es ihm beigebracht hatte! Dann lief er los. Ich erzähle es jetzt – und bis ich diese Worte ausgesprochen habe, ist die Zeit die damals verging ums zehnfache erreicht! Es ging sehr jäh von statten. Er lief nun los. Und wie so ein Kind ist, hat er nicht darauf geachtet, dass die Automobile in die Straße einbiegen. Er hat es einfach übersehen!“ Sie hatte sich eine weitere Zigarette angezündet und ich ahnte, was nun folgen mochte. Ein wenig hoffte ich noch, sie würde schweigen oder es mit einer Floskel dabei belassen, doch sie schien sich sicher zu sein, mich etwas zu quälen. „Ich sprang hinzu, wie mein Kind auf der Straße lag. Ich nahm ihn auf den Arm und sprach ihn an. Ein leichter kleiner Kinderkörper! Er war warm, und ich sah nur Schrammen an seinen Ellbogen. Ich sprach ihn an! Aber er antwortete nicht. Er lag da still in meinen Armen. Und ich wollte dass er atmete, ich meinte seinen Herzschlag zu spüren. Noch eben hatte er meine Hand gehalten und den Vögeln hinterher gesehen! Noch eben hatte er geatmet, noch eben hatte sein Herz geschlagen! Wie wenig und wie viel Zeit war doch verstrichen! Ich bat ihn inständig die Augen zu öffnen, zu atmen, zu leben. Aber er lag da in meinen Armen, wie schlafend! Ein so schmaler Grad war überschritten und er schien doch noch zu leben. Bebte nicht seine Brust? Pulsierte nicht das Blut in ihm? Nein. Nein. Ich hielt seine kleine Hand, M., seine kleine Hand. Sie war warm wie eben noch, als er an meiner Seite schritt. Doch sie war auch schlaff. Ich hatte nicht gemerkt, wie die Polizei gekommen war und ein Rettungswagen. Die Polizisten riefen mir zu: „Sie da! Was machen Sie da mit der Leiche?“ Hören Sie? Eine Leiche! Aber es war ja keine Leiche, es war mein Kind. Begreifen Sie? Eben war es noch mein Kind, mein Junge, M.! Jetzt war es eine Leiche!“ Sie starrte mich irre an und vergaß ihre Zigarette zu rauchen. Als ich nicht antwortete stieß sie ein Lachen aus, ein sardonisches Lachen, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.

 

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