... meine Kurzgeschichten ...
 



... meine Kurzgeschichten ...
  Startseite
  Über...
  Archiv
  Die Reisenden
  Der großartige Herr Klein
  Das Sardonische Lachen
  Augenblicklich
  Ein Tag mit Frost
  Flucht
  Der Schuldnerbrief (Originalfassung)
  Der Schuldnerbrief (Lesungsversion)
  Geschätzte 20m tief
  Die Regenbogenbrücke
  Vergiss mein nicht
  Ein Sommersonnenuntergang
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Links
   Aslaroth
Letztes Feedback

http://myblog.de/horizontzeilen

Gratis bloggen bei
myblog.de





 

Augenblicklich

 

Und als ich aus der Tür ging, war ich stark. Ich ging die kurze Strecke in wenigen Minuten zu Fuß. Am Bach standen die vier schon, ich ging auf sie zu. Ich nickte kurz und sie nickten alle zurück. Ich wusste, dass ich ihre Anführerin war, und sie wussten es auch. Ein Stückchen weiter fing das Schulgelände an. Einige Oberstufler standen dort und rauchten. Anna rauchte auch, aber jetzt zertrat sie ihre Kippe. Wir gingen an der Schule vorbei, es war kurz nach halb acht. Etwas weiter weg von unserer normalen Stelle positionierten wir uns. Aber Juli kam erst kurz vor Schulbeginn. Sie ging hastig, den Blick auf den Boden gesenkt. Als sie uns sah, wurde sie langsamer. „Guten Morgen, Juli“, sagte ich. „Bist ja fast zu spät.“ Dann schaute ich zu meinen vieren. „Laura, Resi, geht ihr schon vor. Sagt dem ollen Becker, dass die Juli innen Bach gefallen ist und wir sie gerade herausfischen.“ Die beiden nickten und verschwanden in Richtung Schulgebäude. Juli hatte mich nur ganz kurz angeschaut, als ich es sagte. Nur ganz kurz. Aber sie wehrte sich nicht, als Anna sie am Arm nahm und fast sachte zum Bach schob. Ich schaute mich um, dann drehte ich mich zu Juli. „Hast du eigentlich ein neues Handy?“, fragte ich und holte ihr altes hervor. Ich schaute wie zufällig darauf, und Juli schaute es an, ganz kurz. „Ja“, sagte sie dann, sehr leise. „Gib es lieber mir“, sagte ich. „Sonst wird es doch nass.“ Sie gab es mir und Anna und Kathi lächelten. Ich betrachtete die beiden Handys in meinen Händen und befand das neuere für besser. Das alte gab ich Anna. Dann fiel Juli in den Bach. Als wir am Klassenzimmer ankamen, stand Herr Becker schon vor der Tür und wartete. „Mein Gott, Juli, wie ist denn das passiert?“ Juli schaute ihn kurz an, dann sagte sie: „Ich … war schon fast zu spät, ich wollte mich beeilen … da bin ich ausgerutscht.“ Anna, Kathi und ich nickten zustimmend. „Zum Glück konnte ich den Rucksack noch herausfischen, bevor er in den Kanal geschwemmt wurde!“, meinte ich, doch ich sagte nicht, dass sich ihr Portemonnaie nun in meiner Tasche befand. In der Pause kam Juli wieder in die Schule. Mit trockenen Klamotten. Wir sahen sie, wie sie langsam auf das Schulgebäude zukam. Wir standen direkt an der Treppe und rauchten. Ich schaute ihr zu, wie sie nun schnellen Schrittes die Treppe emporkam. Sie war fast oben angelangt, als jemand ihr ein Bein stellte. Ich wusste, dass es Kathis Bein war und ich fand diese Idee von Kathi gut. Sie fiel hin. Sie versuchte sich mit den Händen aufzufangen, rutschte aber an den Stufen ab. Ihr Rücksack, den sie nur auf einer Schulter getragen hatte, rutschte hinab und landete auf den Stufen. Es klirrte. Es war Julis kleine Wasserflasche, die sie jeden Tag dabei hatte. Aber Juli nahm nur hastig den Rucksack, der nun stark tropfte, und verschwand im Innern der Schule. Ich grinste Kathi an, dann gingen wir hinein. Juli war für die letzten Minuten der Pause aufs Mädchenklo verschwunden. Wir stellten uns ans Waschbecken und schauten dem regen Treiben zu. Mädchen kamen um sich zu schminken, die Haare zu kämmen oder sich für die Toiletten anzustellen. Ein Mädchen klopfte an eine der Kabinen. „Hallo!“, sagte sie laut. „Komm da mal raus! Die Pause ist fast vorbei, hier ist noch ne Schlange! Los, komm raus!“ Und da kam Juli auch schon. Sie schaute auf den Boden und schaute mich kurz an. Ganz kurz nur. In der sechsten Stunde hatten Laura und ich mit Juli Mathe. Juli saß zwischen uns, das hatten wir dem Raumwechsel zu verdanken. „Du, Juli, darf ich mal dein Radiergummi?“, fragte Laura und fletschte die Zähne zu einem Lächeln. „Äh“, sagte Juli nur und gab es ihr. Wortlos tat Laura es in ihre Federmappe. Wir bekamen unsere Arbeiten wieder, Laura und ich schauten befriedigt auf die Zweien, die wir uns erspickt hatten. Juli hatte eine Fünf. „Na, Klassenbeste war wohl mal, was, Juli?“, sagte ich leise. Sie blieb nach der Stunde noch da, und der Kerner redete mir ihr über ihren Notenabfall der letzten Wochen. Wir hörten beim Rausgehen nur noch: „Julia, magst du mir nicht sagen, warum deine Noten, nicht nur bei mir, so stark abgefallen sind? Wir wissen doch alle, dass du es kannst! Du warst doch so gut!“ An der Tür blickte ich mich um und Juli wusste genau, was mein Blick hieß. Ich wartete auf Juli, während Laura die anderen holte. Wir stellten uns ein Stück weiter auf den Flur und als Herr Kerner mit Juli herauskam, taten wir so, als redeten wir. Juli wollte mit Herrn Kerner schnell an uns vorbei, aber Anna rief: „Mensch Juli! Warte mal ne Sekunde!“ Und gehorsam blieb Juli stehen und starrte auf den Boden. Juli lag auf dem Boden. Ihre Schulsachen lagen auch auf dem Boden. Wir gingen nach Hause. Und als ich durch die Tür kam, war ich nicht mehr stark. Erst wieder am nächsten Morgen, als ich nach draußen trat und alles hinter mir ließ. An der nächsten Ecke verschwand der Biergeruch. Juli kam nicht zur Schule. Wir schauten uns nach dem Unterricht die Stufenliste an. Julia Ragenbeck stand da auch, und ihre Adresse. Wir kauften eine Karte. Es war ein Teddybär darauf, der eine Blume hielt. „Gute Besserung“ stand da. Wir schrieben hinein: „Komm bald wieder zur Schule, Juli. Deine: Hannah, Laura, Kathi, Anna und Resi“ Dann klingelten wir bei Juli zu Hause. Es war ein kleines Reihenhaus, mit einem schön gemachten Vorgarten und Blumen in den Fenstern. Kein Biergeruch. Eine Frau machte uns auf, wohl Julis Mutter. „Hallo“, sagte ich. „Ich bin Hannah. Das sind Laura, Anna, Kathi und Resi. Wir sind Freunde von Juli und würden sie gerne besuchen und ihr gute Besserung wünschen.“ Anna hielt die Karte hoch und lächelte. Erst schaute die Frau überrascht, dann sagte sie: „Das ist aber lieb. Da wird Juli sich sicher freuen.“ Und dann zeigte sie uns Julis Zimmer. An der Tür hing ein kleines Schild das verkündete: Ich könnt hier tun was Ich will. Juli lag im Bett und las. Ihr Zimmer war klein, hell gestrichen und einige Plüschtiere saßen am Fußende des Bettes. Ein Schreibtisch mit Computer stand in der Ecke, ein Kleiderschrank und ein Bücherregal füllten das Zimmer. „Hallo Juli!“, sagte ich, noch bevor sie Zeit hatte aufzuschauen. Sie schaute mich dann an, ganz kurz. Hallo, das sagten auch die anderen vier. Ich setzte mich auf Julis Schreibtischstuhl und sah sie an. Kathi schloss die Tür. „Komm morgen doch wieder zur Schule, wir vermissen dich“, sagte Anna. Juli nickte nur. „Schön hast du es hier“, sagte Laura. Juli nickte wieder, den Blick gesenkt. „Darf ich mal?“, fragte Kathi und zeigte auf den Bücherschrank. Juli nickte noch einmal, etwas langsamer. „Boah, Kafka!“, sagte Kathi. „Geile Ausgabe. Kann ich mir das leihen?“ Juli brauchte eine Weile ehe sie nickte. Am nächsten Tag war Juli wieder in der Schule. Ich machte mit ihrem Handy, das jetzt mir gehörte, ein Video, wie Anna Juli in die Toilettenschüssel drückte. Juli schrie, aber in der achten Stunde war die Schule leer. „Sei still“, sagte Kathi und stupste Juli mit dem Fuß an. Juli gurgelte, schrie, gurgelte, schrie. Rein und wieder raus, bis mein Speicher voll war. Ich schickte das Video per Bluetooth an die anderen. Am nächsten Tag warteten wir wieder vergeblich morgens auf Juli. Sie kam zu spät. Mitten in der ersten Stunde kam sie rein. Ihre Haare waren abgeschnitten. Die schönen blonden Haare, an denen Anna sie gestern noch gepackt hatte. Der Schnitt sah furchtbar aus, nein, Juli sah furchtbar aus. Als sie nach der siebten Stunde gehen wollte, warteten wir aber schon. Resi hatte noch Sport und war nicht dabei, aber wir vier warteten auf Juli. Wir nahmen sie mit in den Keller, wollten ihre Frisur näher angucken. „Nächstes Mal schneide ich dir die Haare, ok?“, fragte Laura. Juli nickte und jetzt wippten keine Haare mehr mit. „Weiß deine Mami das schon?“, fragte Kathi und rauchte dabei. Laura schaute kurz auf. Dann schüttelte sie den Kopf. „Wie wärs,“ sagte ich: „wenn wir dir jetzt die Haare auch färben, Juli?“ Juli schaute nicht auf. Juli nickte auch nicht. Aber ihre Haare waren doch noch lang genug. Laura packte sie und ließ Juli nicken. „Ok.“, sagte ich und schickte Anna Farbe holen. Sie kam mit Lila wieder, etwas Auffälligeres hatte sie im Supermarkt nicht gefunden. Wir lasen uns die Packungsbeilage nicht durch. Kathi kannte die Farbe und mischte die beiden nötigen Dinge. Während Julis Farbe einwirkte, schaute ich nach, was sie so dabei hatte. Ihr Mp3 Player gefiel mir gut. Am nächsten Tag kam Juli mit einer Mütze zur Schule. Das nützte aber nichts, denn Kathi nahm sie ihr weg, noch bevor Juli zum Schulgebäude kam. In der Pause allerdings entwischte sie uns. Resi kam dann angerannt und sagte, Juli würde mit Tobi reden. Und Resi wusste, dass ich den Tobi ganz gut fand. Juli kam wieder gehorsam mit in den Keller. Als ich sie fragte, ob ihr ihre neue Haarfarbe gefiel schaute sie mich an, aber nur ganz kurz. Dann nickte sie. Als ich sie fragte, ob sie mit dem Tobi geredet hätte, nickte sie, ohne mich anzuschauen. Ich beugte mich näher zu ihr. „Magst du den Tobi?“, fragte ich. Die erste Ohrfeige war harmlos. Die zweite auch. Aber als Kathi ihr in den Bauch trat, fiel Juli um. „Mann, du hast uns viel Ärger gemacht, Juli.“, sagte ich. Und als sie schon weinte, trat ich zu. Vielleicht war es Anna, die meinte es sei genug, vielleicht war es auch Resi. Aber ich trat noch mal zu. Und da schaute mich Juli noch mal an. Und ihr Blick war ewig.

 

Wenn ihr diese Geschichte für eure Seite (oder sonstiges) kopiert, dann verweist bitte auf mich und hinterlasst mir ebenfalls einen Eintrag im Gästebuch mit Link. Danke!  




Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung