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Ein Tag mit Frost

In der Nacht auf den 14. Oktober gab es den ersten Frost des Jahres.
Der Frost hatte sich mit einem klaren Himmel und einem kalten Abend angekündigt. Die Sonne versank in hellroten Schleiern und überließ der Nacht den Himmel.
Der Morgen begann dann mit weißen Wiesen und einem hartem Boden. Das gefallene Laub war zart umrandet.
Es war mein Geburtstag.
Als Kind noch glaubte ich, ihn niemals vergessen zu können, und doch, jenes Jahr wäre es beinahe geschehen.
Nun aber, mit vollem Bewusstsein des Datums, saß ich in der Küche und schaute halbwegs erwartungsvoll die Post durch.
Erstes Licht fiel durch die ungeputzten Fenster meiner kleinen Küche und ich wollte meine Hoffnungen an diesen Tag mir selbst am Liebsten erst gar nicht eingestehen. Aber sie waren unumwindlich da, und würden erst mit der letzten Sekunde vergehen.
Es waren Rechnungen. Ich hatte mir Karten still gewünscht, aber es war nur ein Brief dabei. Ich erkannte die runde Schrift meiner runden Tante.
In der Karte, die sich in dem mit kindlichen Stickern beklebten Umschlag befand, gratulierte sie mir zu meinem 23. Geburtstag. Das tat sie schon seit etwa drei Jahren, doch 23 war ich schon lange nicht mehr.
Das beigelegte Geld vermochte den Tag auch nicht aufzuhellen.
Am Mittag tauchten unerwartet die ersten Wolken am Himmel auf. Ich schaute zu, wie sie grau und regenschwer heranzogen. Der Wind wirbelte die Blätter, die ihren weißen Rand längst in der morgendlichen Sonne verloren hatten, sachte umher. Der erste Regen kam, als die erste Geburtstagssms mich erreichte.
Noch um Mitternacht hatte ich sehnsüchtig auf das Display geschaut, doch es war dunkel geblieben, bis nun der Regen kam und ich eine schlechte Nacht hinter mir hatte.
Ich las die schlichten Zeilen gierig durch, doch es war ohne Namen von einer mir unbekannten Nummer gesendet worden.
Ich saß also im Wohnzimmer und schaute in den Regen. Einen Moment lang ließ ich zu, dass meine Hoffnungen sich entwickelten.
Wer mochte die Sms geschickt haben?
Natürlich dachte ich an Johanna, wann dachte ich nicht an sie?
Sie muss es sein, dachte ich, aber zwang mich, zu glauben, dass sie es nicht gewesen war. Seit Januar schon, es war der 30., ja, wie genau ich mich erinnerte.
Es war einen Tag vor ihrem Geburtstag, da kam ihr Brief.
Ich saß, wie an diesem meinen Geburtstag, in der Küche und schaute die Post durch. Es waren bloss drei Briefe, und zwei davon Werbung.
Ich erkannte Johannas verschnörkelte Schrift und wagte kaum, den Umschlag zu öffnen. Und innen fand ich Worte, die mich zerfetzten.
Aber nun, nun hatte ich Geburtstag. Sie musste sich einfach melden, trotz allem.
Der Gedanke war zwar beiseite gezwungen worden, aber noch immer war er da. Er saß fest. Aber wie oft schon hatte ich mich nach ihr gesehnt, nach einer Nachricht von ihr, nur ein kleines Wort, ein Zeichen, eine Geste, einen Augenblick.
Ich war ihr nie wieder begegnet.
Der Regen flachte ab. Nur noch der Wind hauchte die Blätter hie und da hin.
Kurz nach Mittag machte ich mich, wie verabredet auf den Weg zu meinen Eltern. Die Strecke war nicht lang, ich konnte sie zu Fuß in wenigen Minuten schaffen.
Ich schaute mir die Gesichter an, die mir auf der Straße wie Statisten entgegen kamen. Ich schaute sie mir an, und fragte mich ob sie nicht auch Geburtstag haben könnten. Mir sah man es ja wohl auch nicht an.
Ich kam etwas ausgekühlt, aber trocken, bei meinen Eltern an. Doch schon an der Straßenecke wurden meine Schritte langsamer.
Das Auto war nicht da.
Wenn das Auto nicht vor der Tür stand, dann waren sie nicht da. Mit dem Hund draußen, meistens.
Ich verbrachte einige Minuten an der Straßenecke und prüfte mehrmals die Uhr. Es waren schon einige Minuten über der verabredeten Zeit.
Dann ging ich wieder Heim und fragte mich, ob die Tränen im aufkommenden Regen wohl jemandem auffallen würden.
Und dann…
…kommt Johanna um die Ecke, sie hat ihren pinken Schirm dabei, er wackelt im Wind. Sie kommt auf mich zu, etwas geniert sie sich noch, dann umarmt sie mich. „Herzlichen Glückwunsch!“, sagt sie und wir gehen zu mir nach Hause.
Ich war stehen geblieben.
Johanna war nicht da und sie würde auch nicht kommen. Wir hatten nichts mehr miteinander zu schaffen. Sie hatte nicht diese schmerzende Sehnsucht, nein.
Ich ging allein nach Hause. Eine halbe Stunde später klingelte mein Handy.
Es war meine Mutter. Sie sagte, dass es unverschämt von mir sei, einfach zu gehen. Sie hätte sich solche Mühe gemacht alles sauber zu machen, damit ich feiern könnte. Dass das mit den Hunden länger gedauert hätte, dafür könne sie ja auch nichts. Ich solle sofort meinen Hintern zu ihnen bewegen und den Freund meines Papas begrüßen, schließlich habe ich ihn ja eingeladen.
Ich legte ohne ein Wort auf und betrachtete das Telefon noch eine Weile nachdenklich, bis ich den Stecker zog.
Ich zog die Gardinen vor, wollte den nun nicht endenden Regen nicht sehen. Bald würde es schon dunkel werden.
Ich nahm mein Handy und schaute wie vor einigen Stunden schon sehnsüchtig darauf. Nichts. Weder meine Mum, noch mein Papa, noch sonst wer meldete sich.
Erst als ich es aus der Hand gelegt hatte um mir eine Pizza in den Ofen zu schieben, da klingelte es.
Es war Karl, ein alter Freund meiner Mutter, von dem ich einige Fotos besaß, wie er mich als Kleinkind in die Luft warf.
Ich freute mich über seinen Anruf, bis ich abhob.
Er hatte getrunken, ich bemerkte es sofort. Seit Jahren war es nun dasselbe. Er trank Abend für Abend, er hatte sich verändert.
Seine Frau hatte ihn verlassen und danach war er nicht mehr derselbe gewesen. Er sagte, er habe keine Träume mehr.
Seine Haare wurden lang und strähnig. Es war mittags wenn er aufstand, er wohnte wieder bei seiner Mutter. Er war nicht fähig sich zu melden oder mich zu besuchen.
Nun rief er an, und die erste Freude war schnell verflogen. Nachdem er sich hörbar eine Zigarette angezündet hatte, fing er an, über seine Ex-Frau zu reden.
Nach dem Telefonat wollte ich eigentlich mein Handy ausschalten, aber ich tat es dann doch nicht. Ich hoffte so sehr auf noch einen Anruf, irgendeinen guten Anruf zum Geburtstag.
Dann schrieb ich eine Sms an den Absender der unbekannten Zeilen. Ich sagte mir: „Es ist sicher eine Sms von meiner Tante, oder meinem Onkel.“
Und doch, ich musste es leise gestehen, ich hoffte noch immer, dass die Sms von Johanna sein könnte.
Nur kurz schaute ich auf das Licht, das durch die blauen Gardinen in den kahlen Raum fiel, da vibrierte das Handy schon kurz.
Mein Herz machte einen Satz. Ich verschlang die Zeilen …
„Oh, sorry, ich bin’s Anna.“Anna. Ja, klar, ich wusste es doch. Nicht meine Tante, aber ihre Tochter, meine Kusine.
Schwerfällig erhob ich mich und tat die noch nicht ausgepackte Pizza wieder ins Tiefkühlfach.
Da stand ich also. Es war unmerklich schon immer dunkler geworden.
Ich fühlte mich leer. Ich machte das Handy nun aus und setzte mich wieder.
Das Licht schwand merklich und ich wusste, dass auch dieser Geburtstag kein Grund zum Feiern gewesen war.
Ich nahm aus dem Küchenschrank ein Teelicht und zündete es an.
„Unhappy Birthday“, sagte ich leise zu mir im Schein der kleinen Flamme.
Und doch, es klang nicht wahr.

Wenn ihr diese Geschichte für eure Seite (oder sonstiges) kopiert, dann verweist bitte auf mich und hinterlasst mir ebenfalls einen Eintrag im Gästebuch mit Link. Danke!

 




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