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Flucht

Ein winziger Bahnhof, verloren in einem Tal, angefüllt von landschaftlichen Schönheiten: Ein Wald drängt sich dürstend an einen kleinen, wildschäumenden Fluss, welcher wiederum aus einer rauromantischen Felskluft quillt. Alles setzt sich zu einem unbändigberuhigendem Szenario zusammen, welches sich schmeichelnd den Blicken der Ankommenden darbietet, dieser Tage veredelt durch eine gehauchte Schicht aus Pulverschnee, welche verlockend in der Sonne funkelt und, einem eine ungetrübte Reinheit vorspiegelnd, weiß aus den Bäumen und Bergen leuchtet.
Nur ein einzelner Mensch, den der Zug in aller Eile hier am Bahnhof ausgegeben hat, beachtet diese Märchenlandschaft nicht. Schaut man sich diese Person genauer an, fallen zwei Dinge auf: Es ist eine junge Frau, nicht besonders hübsch aber durchaus von interessanter Eigenheit, und sie hat, ganz offensichtlich für jeden neugierigen Blick, besonders schlechte Laune.
Sie geht schnellen Schrittes unter den grellaufdringlichen Weihnachtsgehängen dieser winzigen Straßen hindurch und würdigt der weihnachtlich-geschäftigen Vorfreude einer kleinen Stadt keinen Gedanken, geschweige denn einen dieser glücklichstumpfen Blicke die in diesen Stunden zu abertausenden durch die Welt schweifen. Wie es unschwer für den geneigten Betrachter dieser Szenerie zu erkennen ist, scheint Weihnachten nicht mehr fern. Und tatsächlich, stellt man mit einem Blick in den sich zum Ende neigenden Kalender fest; es ist der 4. Advent eines sterbenden Jahres.
Wir wagen es, mehr über die besagte Frau zu erfahren. Sie hat einen Koffer dabei, nicht sehr groß; anzunehmen, sie bleibt nicht lange hier. Sie ist allein, dies lässt mehr Schlüsse zu als ihr wohl lieb sein würde, wüsste sie um unsere voyeuristischen Betrachtungen; denn es ist Weihnachten, das "Fest der Liebe", so sagt zumindest die Werbung, wie sie auch hier und vielerorts überallher die Blicke und Gedanken der Menschen erhaschen will.
Würden wir in den Personalausweis der Frau schauen, dann würden wir wahrscheinlich erfahren, dass sie Hannah heißt und zarte 21 Jahre alt ist. Als Augenfarbe lässt sich grünbraun entnehmen und wir sehen, ohne den Blick in die Personalien, sie hat dunkelbraune, glatte Haare, kurz, zu einem kleinen und armseligen Zopf zusammengenommen.
Hannah betritt nun das kleine örtliche Hotel, welches im Herzen dieser kleinen, nach außen hin bemüht sympathisch wirkenden, Stadt liegt. Wie wir sehen hat sie reserviert und schleppt ihren Koffer nun direkt nach oben in ein kleines, rustikal hergerichtetes Zimmerchen, welches sich mit vorgegaukeltem ländlichen Charme versucht dem Gast anzubiedern.
Auch dies sieht Hannah wohl nicht. Natürlich streifen ihre grünbraunen Augen einmal prüfend durch dieses Zuhause der Weihnachtstage, doch es hinterlässt in ihrem Selbst keine Spur von überhaupt irgendetwas.
Wovor mag sie geflüchtet sein, in dieses beschauliche aber auch einsamlangweilige Kaff inmitten dieser unmerkenswerten Bergen?
Begleiten wir sie ein Stück an diesem 4. Advent.
Hannah verlässt das Hotel bald wieder, sie hat eine wärmere Jacke übergezogen, die jetzt vom kühlscharfen Wind herumgerissen wird.
Sie steuert das kleine Café auf der anderen Straßenseite an, sie hat es wohl von ihrem Zimmerfenster aus bemerkt, denn auf dem Hinweg zum Hotel hat sie das kleine Fachwerkhaus keines Blickes gewürdigt. Nun kommt sie durch die kleine Tür und sieht sich verhalten um, setzt sich dann an einen kleinen Tisch mit einem Wintergesteck darauf, das ebenso hässlich wie unpassend ist.
Eine Bedienung kommt nach wenigen Minuten, in denen Hannah sich ihres Mantels entledigt hat, an den Tisch und notiert die Bestellung ("Eine Tasse Kaffee, bitte." ) auf einen kleinen Block, auf dessen Rand der Name des Cafés gedruckt ist, an den Hannah sich doch nie wieder erinnern könnte, hätte sie ihn überhaupt je erfahren.

Sie trinkt ihren Kaffee, der nach kurzer Zeit gebracht wird, und wir sehen sie, wie ihre Blicke durch den Raum gleiten und hier und da verschwenderisch ruhen. Irgendwann lässt sie die Augen die Suche nach etwas Neuem aufgeben und senkt die Lider zum Tisch.
In diesem Moment wandert zumindest unser Blick zur Tür, wo ein junger Mann das Café betritt und sich unweit unserer beobachteten Hannah niederlässt. Er bestellt einen Espresso und Hannah hat ihn doch immer noch nicht bemerkt, so wie sie angestrengt die Tischdekoration tief in ihren Gedanken zu zerpflücken scheint.
Der junge Kerl heißt wahrscheinlich Alexander, er sieht einfach aus wie einer.
Er hat eine kleine, modisch wertlose, Tasche dabei, aus der er nun ein Buch zieht und es sich wie ein Schutzschild vor das unscheinbare Gesicht hält. Hannah hat ihn jetzt auch bemerkt. Sie starrt auf das Buch als könne sie dadurch das Gesicht dahinter doch noch erspähen. Aber wenn wir uns diesen Blick einmal genauer anschauen, dann kann man daraus lesen, dass sie das Buch kennt und aller Wahrscheinlichkeit nach gelesen hat, es sogar schätzt. Ihre nun leicht zartrosa angehauchten Wangen vermitteln dem geneigten Betrachter noch mehr als das: Sie interessiert sich für diesen unscheinbaren jungen Mann.
Anscheinend hat dieser Urlaub, wenn es denn einer sein soll, aus welchen Gründen auch immer so fernab der Heimat, nun doch noch eine Wendung bekommen, denn was sagt mehr aus als die Bücher, die ein Mensch gerne liest? So scheint unsere Hannah es auch zu sehen.
Sie starrt diesen Buchrücken an, solange bis das karge Bild, welches sich ihr darbietet, als Negativ ewig auf ihrer Netzhaut eingebrannt sein müsste.
Irgendwann senkt sie widerwillig den Blick und betrachtet den letzten Schluck Kaffee in der Tasse, welche vor ihr steht und ruht um wieder in die Küche gebracht, dann abgewaschen und dem nächsten Kaffeebesteller vor die Nase gesetzt zu werden.
Sie wartet ganz offenerkenntlich. Worauf? Vielleicht weiß unsere Hannah das selbst nicht genau. Dass der Kerl mit dem Buch sie anspricht?
Doch nach einer geheuchelten Ewigkeit steckt er das Buch ein, bezahlt und verlässt das Café. Es geht ebenso schnell wie beschrieben und Hannah sitzt noch da, etwas rot auf den Wangen (seit sie das Gesicht ohne Buch davor bewundern konnte) und es scheint, als sei sie etwas betäubt vom plötzlichen Abgang dieses Mannes, den sie doch gerade erst begonnen hatte interessant zu finden.
Im Zeitraffer spulen wir bis zu der Stelle vor, in der Hannah bezahlt hat, die Jacke wieder angelegt hat und aufsteht. Betrachtet man genau diesen Moment, so entsteht eine ganze Gedankenkette plötzlich in ihrem Kopf, als sie den Platz des jungen Herrn beschaut und alles lässt sich mehr oder weniger an ihrem Gesicht ablesen: 1. Enttäuschung (er ist gegangen ohne mich zu bemerken/anzusprechen), 2. Erstaunen (was liegt denn da?), 3. Erkenntnis (sein Handschuh!), 4. Hoffnung (werde ich ihn wieder sehen, ihm den Handschuh zurück geben können?). Letzterer Gedanke zaubert einen Glanz in ihre grünbraunen Augen und bestärkt die leichte Röte die ihr bereits zu Kopf gestiegen ist.
Hannah hebt den schwarzen Lederhandschuh auf und hält ihn solange versunken in der Hand bis sie sich wohl gewahr wird, dass andere Leute sie bemerken könnten. Sie verlässt das Lokal, nicht ohne sich auf der Straße umzublicken.
Hannah verlebt den halben Tag in der kleinen Stadt. Es ist nicht allzu schwer einmal den gesamten Ort zu durchwandern, denn er ist tatsächlich so klein und unscheinbar wie er auf den ersten Blick aus dem Zugfenster gewirkt hat.
Unsere Betrachtete ist in Gedanken, leicht erkennbar an der Zahl Autos die kräftig auf die Bremse treten müssen um unsere Gute nicht zu überfahren.
Vielleicht hofft sie diesen Kerl wieder zu sehen, ich würde darauf wetten, wenn sich auch nur eine Seele finden würde die ehrlich dagegen halten könnte.
Denn dieser Blick den Hannah durch die Gegend wirft ist nicht neugierig oder interessiert, sondern schlichtweg fordernd. Als würde sie sagen, „Na los Schicksal, du hast mir den Handschuh gegeben, gib mir nun auch den Rest, der mir wohl zusteht!“.
Irgendwann kommt ihr offenbar der Verdacht, dass der junge Mann wohl wieder ins Café gegangen ist, um dort nach seinem Handschuh zu suchen, denn er würde ihn jetzt auch benötigen: Ein paar unwillige Schneeflocken rieselten vereinzelt aus den Wolken und es war kalt geworden im Laufe der Stunden.
Unsere Hannah geht dort wieder die Straße entlang und dort wieder zur dieser kleinen Tür und steht in eben jenem Café wie vor einer Zeit bereits schon einmal.
Diesmal sucht der Blick nicht nur einen Sitzplatz, sondern eine bestimmte Person.
Und tatsächlich, wie bereit das Schicksal ihr doch die Realität verdreht, hat ein Traum wohl diesen Mann wieder in dieses Café gespuckt; dort sitzt er und liest.
Und während wir ihn uns noch mal genau anschauen, ist Hannah zugetreten und räuspert sich leise. „Ist das Ihr Handschuh?“, fragt sie und hält den schwarzen Lederhandschuh in die Höhe, den sie stundenlang gehalten hatte, bereit ihn jederzeit diesem Mann entgegen zu strecken.
Und nun lassen wir Hannah lieber allein und richten unsere voyeuristischen Blicke besser auf andere Menschen an diesem "Fest der Liebe".
Aber ein paar Sätze seien besser noch gesagt: Hätten wir diesem, sich entfaltenden, Gespräch weiter zugehört, so hätten wir erfahren, dass Hannah vor ihrer leeren Wohnung mit den schimmeligen alten Möbeln ihrer nun toten Mutter kurzerhand floh, sich am Tage davor sinnfrei betrunken hatte und heute Morgen mit einem riesigen Kater aufgewacht war und einfach beschlossen hatte den Rückzug vor Weihnachten und der Welt anzutreten. Wir hätten erfahren, dass der junge Mann gar nicht Alexander heißt, sondern sein Name Tim ist und er in diesem kleinen grauen Ort wohnt.
Am Ende des Gespräches, wären wir so unhöflich gewesen und hätten es belauscht, so hätten wir bestimmt mitgekriegt, dass sich Hannahs Weihnachten dieses Jahr mit hoher Sicherheit weitaus besinnlicher entwickeln könnten als zuvor angenommen.
Und so wenden wir zufrieden das Interesse ab, hinaus aus diesem Dorf, über die schlichten Berge hinweg, die sich langsam mit noch etwas mehr Weiß schmücken, geradewegs in unser eigenes Leben, und werden vielleicht irgendwann mal an Hannah denken, die vor der Welt geflohen ist und Weihnachten nun aber doch nicht allein verbringen muss.

Wenn ihr diese Geschichte für eure Seite (oder sonstiges) kopiert, dann verweist bitte auf mich und hinterlasst mir ebenfalls einen Eintrag im Gästebuch mit Link. Danke!  




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