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Der Schuldnerbrief

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich werde Ihnen meinen Namen nicht nennen und ich möchte, dass Sie wissen, dass mein Name das letzte Geheimnis sein wird, das ich mit ins Grab nehme, und so soll es sein.
Wenn Sie diesen Brief erhalten, werde ich nicht mehr da sein, dann werde ich selbst ein Geist sein, so ruhelos wie all jene Gestalten, die mir Nacht für Nacht den Schlaf rauben.
Wo die Reise beginnen, wo die Worte hersammeln, um sie hier zu schreiben, im Dunkeln einer weiteren schlaflosen Nacht, die Kammer erhellt mit einer Kerze, und doch ist es mir so dunkel.
Die weniger friedlichen Bürger einer friedlichen Stadt sind bereits in ihren Kissen versunken und ich schreibe in die allgegenwärtige Leere eines vergangenen Tages hinein, in den Anbruch einer neuen Welt.
In meiner Heimat ist der Krieg ausgebrochen.
Und dort im Dunkel einer Historie ist mein Geheimnis von hässlichem Schweigen geborgen und einer bösen Stille ummantelt.
Ich hatte den Krieg kommen sehen, und ich wollte nicht an die Front. Ich hatte bereits im letzten Krieg gekämpft und einige bleibende Komplikationen davon getragen, weshalb ich also nicht als einer der ersten zur Front befohlen wurde. Alles in mir strebte danach, diesem aufbrechenden Kriege zu entgehen, in eine Ecke der Welt zu schreiten, in die selbst dieser Krieg nicht brechen könnte.
Ich ringe mit diesen Phrasen, so unvertraut und unwillig, so unfrei und gezwungen. Es soll wohl am Fieber liegen, an dieser Tropenkrankheit, niemand vermag es mir zu sagen.
Doch meine Seele will Erfüllung, meine Seele kann diese Last nicht mehr tragen, die Zunge wagt es nicht zu fassen, und so schreibe ich Ihnen.
Noch ein kleiner Teil in mir rebelliert und will die Wahrheit schönen, will die Realität der Historie süßen und mich in ein besseres Licht rücken, aber ich verspreche Ihnen, was ich schreiben werde, ist wahr, was ich schreiben werde, ist nicht geschönt.
Der Krieg hatte seine Klauen in kalter Vorahnung um unser Dorf geschlossen und mir zwang sich der Gedanke in den Kopf zu fliehen, bald zu fliehen, bevor der eisige Würgegriff sich zu fest um unsere Hälse gelegt hätte. Doch die Polizei, nun von einer grässlichen Instanz übermannt, wollte mich nicht gehen lassen, mich in die Fänge dieses Monsters treiben, was nach und nach die Seelen einer ganzen Welt verschlungen hat.
Ich war dort tatsächlich auf der Dorfwache. Ich bin und war nie reich. Doch reicher sicherlich als viele meines Dorfes, ich hatte in jahrelanger Arbeit etwas Geld angehäuft und nun, nun bot ich es diesem Polizisten an. Doch oh!, ich hatte es nicht verstanden. Diese neue Instanz wollte kein Geld, kein Kleingeld aus meiner Tasche, sie wollte mir vielmehr meine Menschlichkeit entreißen, mein Herz zerpflücken. Ich habe meine Seele in dem Moment schon Dantes Höllenkreisen zugeworfen, als ich mich in jenes Kämmerchen begab, als ich einen Handel mit den Teufeln schloss und dabei nur an mein Leben dachte, an mein eigenes, erbärmliches Leben, das von da an doch bloß Qual und Marter ergeben würde.
Man sagte mir: „Sehr geehrter Herr K., wir dürfen Sie leider nicht einfach so ausreisen lassen. Aber wissen Sie, wir würden gerne mit Ihnen zusammenarbeiten, vielleicht ließe sich dann etwas für Sie arrangieren.“
Ich kenne diese Worte auswendig, Teufel flüstern sie mir tagtäglich in meinen kargen Träumen und verlachen meine Tränen. Doch was schwelge ich in sinnlosem Geschwätz? Das Fieber frisst mich auf. Ich will mich nicht in die Schatten meiner Schreibunfähigkeit flüchten, mein Ziel war es ja, Ihnen zu erzählen, was niemand wissen darf.
Ich durfte damals gehen, konnte dieses Land verlassen, doch zu welchem Preis?
Ich hatte meine Seele gegen die Freiheit der Flucht getauscht, mein Herz mit Schuld aufgewogen, denn von diesem Moment an trug ich mehr Flüche und Schmutz in mir als menschliches Fleisch.
Ihr Mann war vor kurzem eingezogen worden, eingesogen könnte man sagen, vom ersten Atemzug des Krieges. Ich glaube sogar, dass er sich freiwillig gemeldet hat, aber wer kann das nach diesen Wirren noch sagen? Und sie, die immer fleißig präsente Frau blieb mit ihren beiden Töchtern zurück. Sie lebte in dem Haus neben dem meinen.
So saß ich in diesen vier Wänden vor dem Polizisten und erzählte über Frau G. Niemand darf wissen, dass ich es war, der Frau G. und ihre Kinder verriet. Doch nun, nun wissen Sie es. Ich, ihr Nachbar, den sie immer gegrüßt und nie verärgert hatte, ich erzählte diesem Polizisten über ihre Affinität zum Bolschewismus. Über ein Telephonat, das ich aus dem Garten hören konnte, so leise es auch immer geführt worden war.
Ein Wort aus diesem Telephonat war besonders erregend: Desertieren.
Und ich erinnere mich an den ersten Brief meiner Bekannten M., als sie mir aus dem Dorfe Neues zutrug in meine Fluchtheimat: Sie berichtete, wie die Frau G. und ihre beiden Töchter fortgebracht wurden, wohl in ein Arbeitslager, und ihr Mann von der Front gleich mit. Was davon Gerücht ist und was wahr, das vermag ich nicht zu sortieren, doch ich weiß, dass ich die Prüfung der Seele nicht bestanden habe und diese arme Frau in den Schlund der reißenden, aufsteigenden Bestie geworfen habe und ihre Töchter gleich mit, nur um meinetwillen.
Diese Gewissheit, welche Qual! Diese Schuld, welche Last auf meiner Brust!
Verzeihen Sie mir! Ich werfe meine Pein Ihnen zu Füßen und wimmere um Gnade, ich unwürdiger Feigling. Und bitte glauben Sie mir, ich werde diese Schuld nehmen, aber nicht in diesem Leben.
Nun wissen Sie, was doch niemand wissen darf, von jemandem, der nun ruhen kann, denn jede Hölle wird Erfüllung geben nach dieser Welt.
Verurteilen Sie mich, meine Worte, aber besinnen Sie sich Ihres Herzens und verlieren Sie es nicht.
Ich danke Ihnen in aller Ehrlichkeit für Ihre erhabene Aufmerksamkeit.

Danke.

Wenn ihr diese Geschichte für eure Seite (oder sonstiges) kopiert, dann verweist bitte auf mich und hinterlasst mir ebenfalls einen Eintrag im Gästebuch mit Link. Danke!




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