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Geschätzte 20m tief

Vom Eingang aus gesehen lag sie rechts, zwischen Bach und Fensterreihen.Man konnte Lina gut erkennen, trotz aller Abstraktion ihres zerschmetterten Körpers. Ein grünes T-Shirt unter einer grauen Jacke mit schwarzen Punkten, wie sie so viele an der Schule trugen. Eine schwarze Karottenjeans, blaue Chucks. Ja, unverkennbar Lina, die da auf den Steinen lag. Das hochgesteckte blonde Haar war geradezu obszön um das weiße Gesicht drapiert. Das Dach, von wo aus sie auf die Steine gelangt war, lag in über 5 Stockwerken Entfernung über ihr. Nur auf welche Weise hatte sie den Weg nach unten angetreten? Gesprungen, gefallen, gefallen worden? Noch hatte sie niemand entdeckt, es war keine sieben Uhr, doch in weniger als 20 Minuten würde die Schule belebt werden und die ersten Schüler aufsaugen. Eines war klar: heute würde diese tote Lina den Alltag stören. Sie war an diesem morgen, wie immer, viel zu früh in der Schule. Ihr Vater pflegte sie morgens stets mitzunehmen und er musste bereits um viertel vor Sieben auf der Arbeit sein, sodass Lina um halb Sieben die gerade erst geöffnete Schule betrat. Sie grüßte, wie immer, den Hausmeister, der die erste Schülerin am Tage schon gut kannte und, wie immer, freundlich zurück grüßte. Lina begann ihren täglichen Weg zum Dach. Vorbei am Schwarzen Brett im Erdgeschoss; vorbei an den Bildern der 5a im ersten Stockwerk; vorbei an den Buchempfehlungen der 7. Klasse im zweiten Stockwerk; vorbei an den Portraits von Klasse 8a und 8c im dritten Stockwerk und vorbei an den bemalten Platten des 11. und 12. Jahrgangs im vierten Stockwerk hinauf zu den Räumen im fünften Stockwerk, die außer stickiger Luft nichts zu bieten hatten. Durch den renovierten Gang zur Rechten bis zum Ende, durch die letzte Tür in die kleine Schulbuchbibliothek und zur Tür geradeaus wieder hinaus. Sie war den Tag über geschlossen, damit keine Schüler auf das Dach gelangen konnten, doch Lina hatte, bedingt von Langeweile durch zu früh in der Schule sein, in der 9. Klasse herausgefunden, dass der Hausmeister sie meist erst während der ersten Stunde abschloss (und abends wieder aufschloss, wie er später einmal erzählte, um einige Zigaretten dort oben zu rauchen und die Tür einige Stunden offen stehen zu haben, damit etwas Luft in die kleinen Räume strömen konnte). So konnte sie bis ungefähr halb 8 das Dach als Rückzugsort nutzen. Der Hausmeister fand Linas verbotenen Aufenthalt dort schon nach wenigen Tagen heraus, ließ sie jedoch gewähren, da er sie nun schon seit der 5. Klasse kannte und sie ihm versprach, vorsichtig zu sein. Die Schulleitung durfte nun davon nichts erfahren, und so versprach sie ihm auch früh genug herunterzukommen und es nicht herumzuerzählen. Bis zu jenem Tag war nun auch nichts weiter geschehen, doch nach diesem Tag blieb die Tür stets geschlossen, es sei denn es fielen Dacharbeiten an. Die schmale Treppe war ausgetreten und schmutzig. Früher war das Dach wohl allen Schülern immer zugänglich gewesen, bis es eines Tages einen Unfall gab. Mehr als das wusste Lina nicht, aber es interessierte sie auch nicht sonderlich. Es war ein Flachdach. Hier und da lagen Zigarettenfilter, ein Hinweis auf den Hausmeister. Man trat aus der Tür im fünften Stock, ging die kurze Treppe hinauf und stand dann auf dem Dach, geschätzte 20m über den Steinen. Rechts vom Dach befand sich der Schulhof. Einige Bäume, ein Fahrradständer ohne Fahrräder, zwei Basketballkörbe und ein hässlicher Gitterzaun, der das Schulgelände abgrenzte. Links lag der Bach mit der kleinen Grünanlage. Er gehörte nicht wirklich zum Schulgelände, aber in der Pause hüpften die 5. Klässler darüber und versuchten sich hineinzuschubsen. Die älteren Schüler standen in Grüppchen vor dem Schulgebäude und rauchten. Lina setzte sich stets auf dem Rand der Seite die ihr mehr zu bieten hatte, und das war bisher immer die Seite zum Bach hin gewesen. Sie beobachtete die Leute die vorbeigingen (obwohl das zugegebenermaßen nicht gerade viele um diese Uhrzeit waren), schaute den Vögeln zu oder machte manchmal noch Hausaufgaben. Fast immer hörte sie dabei Musik, seit sie einen Mp3Player von ihrem Vater hatte geschenkt bekommen. Sehr selten saß sie nur da, ohne Musik, und hörte auf das Plätschern des Baches, das Krächzen, Singen und Rufen der Vögel und die Geräusche der erwachenden Stadt. Diesen Morgen hörte sie Musik, von den Sugarcubes, ihrer Lieblingsband neben einigen anderen. Sie mochte einen Tag Diese lieber, den anderen Jene. An diesem Tag waren es also die Sugarcubes.

Es gibt mehrere Theorien wie Lina vom Dach auf die Steine gelangt war.

Die kürzeste davon behauptete dass es sich um einen tragischen Unfall handelte.

Es wäre dann wohl so oder ähnlich verlaufen. Die Sugarcubes sangen:
“That's where I am staying,
Where no-one can find me
In the depths of the valleys
Magnificent landscape…“
Und Lina ließ den Blick über den Grünzug schweifen. Neben dem Bach hüpfte eine Elster und stocherte ab und zu mit dem Schnabel energisch im Gras. Eine andere Elster saß nicht weit entfernt in einem Baum und krächzte wippend (was Lina allerdings nicht hörte, sich aber denken konnte). Nach einer Weile flog der Vogel vom Boden zu dem auf dem Ast und verjagte ihn. Eine Ratte flitzte aus einigen Büschen vor den Fensterreihen unter die Brücke des Baches – und da geschah es. Lina beugte sich interessiert hervor und rutschte mit der rechten Hand vom Dachrand ab. Sie verlor schlicht und ergreifend das Gleichgewicht und stürzte mit einem ungehörten Schrei geschätzte 20m nach unten. Nun, was gegen diese Theorie spricht ist der Fakt, dass Lina seit gut drei Jahren jeden Tag auf dem Dach saß und es besser kannte als jeder andere. Es ist also eher unwahrscheinlich, dass sie es nicht hätte einschätzen können, wie weit sie sich vorlehnen konnte und wo der Dachrand war und wo nicht mehr. Oder nicht ?

Das führt zur nächsten, zur zweiten, Theorie über Linas Sturz.

Diese Version scheint etwas länger zu sein und besagt dass Lina sich umgebracht hat. Die Sugarcubes sangen dann wohl:
„He's a bastard!
You should leave him!
Paranoid manipulator,
to hell with him.
He's dragging you
Along..
On a leash called love. He controls you...“ Und Lina musste weinen. Ja, Lina hatte ihn verlassen, am vergangenen Wochenende. Stoffel und sie waren zwei Jahre zusammen gewesen und sie hatte jeden Tag geglaubt dass es ewig halten würde, dass es ewig halten musste. Doch die Sugarcubes hatten Recht; er hatte Lina stets kontrolliert. Das Handy durchsucht, den Terminplan, den Computer. Ja… eine Fessel der Liebe, dachte Lina. Aber er hatte sie sonst nicht schlecht behandelt. Immer an den Monatstag gedacht, ihr Geschenke gemacht und sie offensichtlich geliebt. Und deshalb war sie auch so traurig, noch immer. Alle hatten ihr geraten dass sie ihn verlassen musste, um sich selbst Willen. Sie gab sich für ihn auf und das durfte nicht sein. Aber warum war sie dann so traurig ? Weil sie ihn liebte, ja. Jetzt war es zu spät, sie hatte sich von ihm getrennt. Es war aus, sie wusste es, er wusste es. Sie hatte seitdem nicht mehr mit ihm geredet und ihn so furchtbar vermisst. Sonst hatten sie sich beinahe jeden Tag gesehen, etwas unternommen, geredet. Sie war mit niemandem sonst ausgegangen. Aber Lina sah es ein. Es konnte nicht so weiter gehen. Sie wollte mit ihm zusammenziehen, mit ihm ihr Leben verbringen. Hatte alle Pläne nach ihm gerichtet. Jetzt, ohne ihn, hatte sie nichts mehr vor sich. Nichts mehr vor mir, formten Linas Lippen und ließen einige salzige Tränen in ihren Mund tropfen. Was sollte sie noch machen ohne Stoffel? Sie konnte nicht mit ihm und ohne erst recht nicht. Warum bleiben? Sie war sich der Höhe bewusst. Sie hatte oft hinuntergestarrt und sich überlegt wie hoch es wohl war. Lina schätzte es auf 20m. Sie war sich jedenfalls sicher dass man starb wenn man nur unglücklich genug aufkommen würde. Und unglücklich war sie, todtraurig sogar.
„You have torn me, Inside out.
Nothing but, a nervous wreck.
You have got me, on a leash,
You whip me with, a leash called love..
I have lost all sense of direction, you make me a victim”, sangen die Sugarcubes. Und Lina sprang. Nein, eigentlich rutschte sie mehr in Richtung Boden, ließ sich gleiten, schloss die Augen. Ohne Ziel, doch weg, dachte sie bevor der Nebel kam. Nun, aber gegen diese Theorie wiederum spricht, dass sie nach der Trennung von Christoph „Stoffel“ nicht traurig, sondern befreit wirkte, behauptete zumindest ihre Mutter, als die Polizei sich danach erkundigte. Die muss es wissen, oder ?

So kommt man unweigerlich zu der dritten Theorie, die die Schüler weitaus länger beschäftigte als obere beiden.

Gerüchten nach war es Mord, und das ist die längste Theorie über Linas Ableben. “This side of the blackest meadows
I make my winter dwelling
And crush my bones”, sangen die Sugarcubes und Lina bemerkte die Person hinter sich nicht.
Die Zeit für einen Mord war günstig. Es hielt sich kaum jemand im Schulgebäude auf und wenn man vorsichtig genug war, würde niemand einen bemerken. Auch im Grünzug tauchten nur vereinzelte Frühaufsteher, Jogger oder Hundebesitzer auf. Manchmal konnte man die Müllabfuhr an der Straße sehen. Die Person hinter Lina war ein Mädchen. Es werden mehr hinterhältige Morde von Mädchen oder Frauen begangen als von Männern. Die Person hinter Lina hieß Carolin und war, in der Theorie zumindest, eine Freundin von Lina. Das Tatmotiv ist nicht leicht zu erklären, ist es doch eine Mischung aus verschiedenen Gefühlen der Carolin. Lina hatte ihr etwas angetrunken erzählt dass sie auf dem Dach sich aufzuhalten pflegte. Als in Carolin schließlich der Gefühlscocktail überlief, erinnerte sie sich daran, lag eine Nacht lang wach und überlegte mit kühlem Kopf. Es fiel keine Entscheidung ob oder ob nicht. Carolin überlegte nur wann und wie. Dass sie Lina vom Dach stoßen würde, war in dem Moment klar, als Lina mit Stoffel Schluss gemacht hatte, denn Stoffel war Carolins bester Freund und ihre große Liebe (was Stoffel natürlich nicht wusste). Stoffel war so niedergeschlagen als Lina Schluss machte. Erst wütend dann traurig und dann zerbrochen. Carolin hatte zumindest für ihn gehofft dass er glücklich sein konnte. Natürlich hatte sie Lina dafür gehasst, dass sie ihr Stoffel „weggenommen“ hatte. Natürlich war sie eifersüchtig gewesen. Natürlich. Sie wollte es Lina heimzahlen, sie wollte diesen Moment der Macht und Befriedigung spüren wenn Lina litt, wenn Lina starb. Erst war es ein Stechen gewesen wenn sie Lina und Stoffel sah, wenn Stoffel von ihr erzählte, wenn er lieber etwas mit Lina als mit Carolin machte. Carolin sagte: „Ich hasse dich …“ Sie hatte sich mehr überlegt, aber es kam nicht mehr aus ihrem Mund als sie Lina vom Dach stieß. Lina rutschte nach vorne, fiel geschätzte 20m tief und kam mit einem grässlichen Geräusch auf, das man bis nach oben hin hören musste. Ein Geräusch, das Carolin dann wohl nie wieder aus dem Kopf bekam und in dunklen Ecken auf sie lauerte.

Andere sagten, Christoph „Stoffel“ selbst habe Lina vom Dach gestoßen. Er habe sie nicht gehen lassen wollen, wenn er sie nicht haben konnte, dann wolle er sie in niemand anderes Arme wissen. Zuerst habe er überlegt ob er sich umbringen sollte, doch der Selbsthass schlüge wohl schnell in Hass auf Lina um, die ihn so leicht nach 2 Jahren verlassen konnte … Er wusste vom Dach, er kannte die Schule. Manche sagen er hat es getan.

Wie es nun wirklich war, weiß nur Lina allein, wie sie da still auf den Steinen lag.

 

 

 

 

Wenn ihr diese Geschichte für eure Seite (oder sonstiges) kopiert, dann verweist bitte auf mich und hinterlasst mir ebenfalls einen Eintrag im Gästebuch mit Link. Danke!

 




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