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Die Regenbogenbrücke

Die Augen geschlossen, das Gesicht etwas dem Himmel entgegen gestreckt genoss sie die noch wärmende Herbstsonne.
Das Rauschen der Blätter und die Rufe der ballspielenden Kinder störten sie nicht, sondern untermalten die Stimmung des ruhigen Vormittags. Ein kühler Wind strich über die Wangen, die die Sonne erwärmt hatte und noch immer lagen Strahlen, wie wärmende Hände, darauf.
Als sie noch klein waren, hatte die große Schwester ihr ein Gedankenspiel beigebracht und sie skizzierte es vor ihren Augen, wie damals schon.

"Schließ die Augen, Lila." sagte die große Schwester ruhig und hielt die Händchen der kleinen Schwester behutsam in ihren eigenen.
Lila saß auf dem Schoß der großen Schwester, die niemals wieder laufen können würde. Sie zitterte vor Vergnügen und Aufregung.
"Schön die Augen geschlossen halten!", befahl Blau und strich Lila die blonden Haare aus dem Gesicht.
"Wo bist du?", fragte sie dann.
Lila kannte das alltägliche Spiel und antwortete nach kurzem Überlegen: " Ich bin heute in den Bergen."
"In den Bergen?", fragte Blau und wiederholte es murmelnd.
"Sind die Berge hoch?", dann.
Lila strich sich über die Lippen und schürzte sie gedankenverloren.
"Sie sind so hoch, ich könnte direkt in den Himmel klettern.", sagte Lila bedächtig, die Augen geschlossen. Die dünnen Beine von Blau piekten ihr in den Po, doch sie beachtete es nicht. Stattdessen spürte sie die vertraute Wärme der Schwester, ihren Geruch und fühlte sich geborgen.
"Aber ich bin nur auf halber Höhe vielleicht.", setze sie hinzu und skizzierte das Szenario vor ihrem inneren Auge; baute es Stück für Stück auf.
"Was siehst du?", fragte Blau die vertrauten Fragen. " Was hörst du? Erzähle es mir und nimm mich mit zu den Bergen, die bis in den Himmel führen."
Lila strich über die kräftigen Hände ihrer Schwester und wollte sie gerne mitnehmen, so wie Blau sie manchmal mitnahm zu ihrem Garten voller Blumen oder ans Meer, wo es fantastische Tiere gab, mit denen Lila spielen konnte.
"Bist du soweit?", fragte Blau.
Lila nickte heftig und ihre feinen Locken kitzelten Blaus schmales Gesicht. "Dann mach die Augen auf."
Und Lila öffnete die Augen.
Sie blickte auf ein weitläufiges Tal, auf dessen Feldern die Schatten der Wolken dahinflogen und der Sonne Strahlen manchmal in seidigem Licht sich an den Bergen vorbei hinunterergossen.
Lila beschrieb es Blau so gut sie es mit ihren 6 Jahren vermochte.
"Die Luft ist ganz klar.", sagte sie überlegend. "Und kalt. Der Wind ist ganz kalt.", bemerkte sie und schlang die Arme um den Körper.
"Hm.", machte Blau im Wohnzimmer und wartete noch immer, dass Lila sie mitnahm.
"Rechts ist ein Bach."
Es stimmte und das klare Wasser sprudelte gurgelnd aus einer Gesteinsspalte.
Rosa Blumen wuchsen am Rand des Baches und verströmten einen schweren, süßlichen Duft. Lila kannte ihren Namen.
"Da sind Balsaminen am Bach." Und langsam konnte Blau ebenfalls den Felsvorsprung betreten auf dem Lila stand und in das hügelige, waldbewachsene Tal blickte.
Blau konnte hier in den Bergen, die bis in den Himmel reichten, laufen und trat hervor, nahm Lilas Hand und sie schauten sich gemeinsam um.
"Mumeltiere, sieh mal davorn!", flüstere Blau leise, um die Tiere nicht zu erschrecken, und zeigte auf die Murmeltiere, die sich nun mit pfeifenden Geräuschen den Blicken der Besucherinnen entzogen.
"Was für ein schöner Wald da unten im Tal.", sagte Lila und blickte die hochgewachsene Gestalt neben sich bewundert an, die ihren Blick weit hinunter zu den wogenden Gipfeln wendete und lächelte.
„Ja.“, sagte Blau und strich der Schwester über den Kopf, wie sie es so oft und so zärtlich tat, dass Lila diese Geste ihr Leben lang als das Liebevollste erfahren würde das ein Mensch ihr geben konnte.
"Brigantia!", kratze die Stimme des Vaters aus der Küche.
Blau beugte sich zu Lila vor und flüstere ihr ins Ohr: " Nächstes Mal gehen wir in den Wald, ja?"
Lila spürte den warmen Atem der Schwester auf ihrer Schläfe und ging nur ungern ins Wohnzimmer zurück.
Sie stand vom Schoss ihrer Schwester auf und schob stumm Brigantias Rollstuhl ins Schlafzimmer, wo der Arzt schon wartete und Brigantia zur wöchentlichen Untersuchung begrüßte. Bevor sie jedoch das nächste Mal zusammen reisten, war Brigantia fort.

Lillian hielt die Augen geschlossen und schürzte, wie schon als Kind, gedankenverloren die Lippen und betrat den Wald, den man von den Bergen, die bis über die Wolken reichten, so gut sehen konnte.
Sie trat aus der warmen Vormittagssonne des Schulhofs in die Schatten des Waldes, und nicht weit entfernt gluckste der Bach, der sich aus dem kalten Felsen des Berges durch die Felder hinab ins Tal schlängelte um hier den Tieren im Wald ein Lebensquell zu sein.
Die Sonne glitzerte in seinen Wirbeln und bunte Steine schimmerten in seinem Bett.
Das Laub raschelte unter Lilas nackten Füßen, denn die Schuhe hatte sie in der Vormittagssonne bei den spielenden Kindern gelassen. Die Luft im Wald war schwül und nicht so klar, wie in den Bergen, doch sie atmete sie befreit ein, sog sie tief in die Lungen, um, so schien es ihr selbst, sie konservieren zu können, damit etwas davon übrig war wenn sie zurück in die Vormittagssonne ging.
Als Blau neben sie trat, wie es zur Gewohnheit geworden war, nahmen sie sich bei der Hand und setzen sich auf einen umgestürzten Baumstamm, welcher mit Moos gepolstert ihnen einen bequemen Sitzplatz bot.
Lila erzählte von der Schule und den vergangenen Tagen, wie es Vater ging, wie sie selbst zurecht kam in einer Welt ohne ihre Schwester.
Als es zur nächsten Stunde schellte, kehrte Lillian in die Vormittagssonne zurück und ihre Schwester schien nicht mehr so fern und tot wie sie es seit 11 Jahren war.

 

 

 

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