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Ein Sommersonnenuntergang

Es gibt Dinge, die vergisst man niemals. Wenn ein Mensch vor den eigenen Augen stirbt, dann vergisst man es nicht. Gerade wenn es ein geliebter Mensch ist. Darum habe ich auch niemals die Sonne vergessen. Ihre Gesichter waren verhüllt, aber die Sonne habe ich gesehen. Dass sie echt war, daran bestand kein Zweifel. Und die kleine, feine Narbe über ihr sehe ich heute noch in meinen Träumen. In meinen Alpträumen, wo die maskierten Männer kommen, um mich zu holen, mich und nicht meinen Bruder. Er lebt noch und sie wollen mich. Wenn ich dann aufwache, merke ich, dass er nicht mehr lebt. Dass er schon seit gut drei Jahren tot ist und dass das einzige was ich von seinen Mördern weiß, diese Sonne ist. Eigentlich war mein Bruder nur zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Sonst würde er noch leben. Die Maskenmänner hatten nicht damit gerechnet, dass jemand da war, wo mein Bruder und ich waren. Nur, mich sahen sie nicht. Und der Sonnenmann hat es dann getan. Es ging so schnell und doch dauerte es so lange. Tag für Tag und Jahr für Jahr habe ich ihn gesucht, den Sonnenmann.

Ich habe mich von der Fifth Avenue bis zum Central Park vorgekämpft, mit den schweren Plastiktüten in den Händen, deren Plastik mir die Finger abschnürt. Verdammte Hitze. Ich hasse Sommer in New York. Die ganze Stadt ist erfüllt von dieser Hitze und plötzlich kommen alle Menschen auf die Idee einen Spaziergang zu machen. Der Central Park ist voller Menschen und erfüllt so nicht meinen Wunsch nach Kühlung und Erholung von den überfüllten, stickigen Strassen. Mein Apartment liegt in Manhattan und ich sehne mich schon nach einem klimatisiertem Raum. Und Eis. Bei meinem Einkaufsmarathon durch New Yorks Geschäftsstraßen habe ich mir das verdient, finde ich. Bloß weg von all den Menschenmassen und den Kindern, die ihre Eltern dazu überreden, mit ihnen in den Zoo zu gehen. Würde ich hier nicht arbeiten, wäre ich schon lange weggezogen. Aber vielleicht ist das auch nur eine Ausrede. Wahrscheinlich will ich mir einfach nur nicht eingestehen, dass ich hier bleibe, weil der Sonnenmann hier irgendwo sein muss. Ich glaube, ich klammere mich noch immer daran, dass ich ihn finden werde. Aber jetzt will ich nur noch nach Hause. Meine Psychologin Dr. Hanford meinte, ich solle es sowieso endlich vergessen. Ich dachte immer, Psychologen predigen einem, dass man solche Erlebnisse aufarbeiten soll. Naja, ich glaube sie hat eingesehen, dass diese Methode in den letzten 3 Jahren nichts genützt hat und ich nur noch nach Rache lechze und besessen bin von diesem Mann. Außerdem ist sie meine beste Freundin und ich schätze, es ist mehr ein freundschaftlicher Rat als Psychologengerede. Vielleicht sollte ich mir Urlaub nehmen und für einige Zeit meine große Schwester auf dem Land besuchen. Ich denke, ich rufe Lilly Hanford gleich an, wenn ich mit einem Eis im Wohnzimmer sitze und die Klimaanlage meinen Schweiß kühlt. Ich hasse Sommer. Einmal war ich sogar nachts in Harlem, weil ich hoffte, dass ich dort den Mann mit der Sonne treffe, schließlich ist Harlem dafür bekannt, Tag und Nacht über gefährlich zu sein. Natürlich fand ich ihn nicht und entging auch nur schwer einem Handtaschenraub. Gott sei Dank gibt es Tränengas. Nie wieder Harlem also. Ja, Urlaub würde mir gut tun. In diesem Moment rutscht mir diese verdammte Tüte aus der Hand und ich muss mich umständlich bücken und die ganzen anderen Tüten abstellen, um die Verlorene wieder aufnehmen zu können. Doch vorher höre ich eine freundliche, tiefe Stimme: „Kann ich Ihnen behilflich sein?“ Ich sehe auf. Der Besitzer dieser tollen Stimme ist ein Mann, vielleicht etwas älter als ich. Er hebt die Tüte auf und streckt mir die Hand entgegen, auf dass ich ihm weitere Tüten zum Tragen gebe. „Haben Sie vielleicht Lust, mit mir etwa Kühles trinken zu gehen und sich etwas auszuruhen?“ Gerade will ich ihm eine rüde Abfuhr geben, um endlich nach Hause zu können, als mir etwas auffällt. Den Handrücken der sich mir entgegenstreckt ziert eine blaue Sonne, über der eine feine Narbe ist. Unmöglich... Ich habe so lange nach ihm gesucht und dann spricht er mich so plump an? Er konnte mich damals nicht erkannt haben, sie haben mich gar nicht gesehen! Ich fasse mich. Und ein Lächeln bringe ich auch zu Stande. „Aber gern.“, sage ich. „Allerdings würde ich lieber nach Hause, aber wenn Sie so nett wären und mich begleiten würden, schlage ich vor, wir können bei mir etwas trinken.“ Es ist mir egal was er von mir denkt. Ich muss mit ihm reden, ich muss ihn kennen lernen und mich an ihm rächen. Er lacht. Es ist ein herzliches und sympathisches Lachen. Aber es gibt keinen Zweifel – es ist der Sonnenmann von damals. Ich gebe ihm noch einige Tüten und bin einigermaßen froh, weitere Last loszusein. Er hat rotes, längeres Haar und einen leichten Bart. Er wirkt nordisch und ich muss zugeben, er ist ein schöner Mann. Wir biegen in die East 75th Street ein und er sagt: „Entschuldigen Sie, wenn ich Sie so überfallen habe. Das ist eigentlich nicht so meine Art. Aber irgendwie...“ Er schweigt und ich zucke die Schultern. „Ist schon okay.“ Ich bin noch immer etwas verwirrt. Es kommt so plötzlich. Dann sagt er: „Ach herrje, ich hab mich ja noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Daniel Thoresen. Leider kann ich ihnen nicht die Hand geben, dafür trage ich zu viele Tüten.“ Er lacht wieder und ich muss auch etwas lächeln. Ich würde ihn wirklich mögen, wenn ich nicht wüsste, dass er meinen Bruder auf dem Gewissen hat. „Ich bin Zoë Barksland. Erfreut Sie kennen zu lernen, Mr. Thoresen.“ Wir stehen endlich vor meinem Wohnblock und es kommt mir noch immer so vor, als würde ich träumen, dass ich den Sonnenmann getroffen habe. Ich krame den Schlüssel hervor und er sagt inzwischen: „Sie brauchen mich nicht Mr. Thoresen zu nennen. Sagen Sie einfach Daniel. Oder Dan, das ist auch in Ordnung.“ Ich nicke zerstreut und steuere auf den Fahrstuhl zu. „In welchem Stockwerk wohnen Sie?“ „Im 9.“, sage ich schlicht und drücke auf die entsprechende Taste. Der Fahrstuhl setzt sich sanft in Bewegung und ich überlege mir fieberhaft, was ich mir eigentlich von der ganzen Sache verspreche. Ich darf nicht vergessen, dass er ein Mörder ist. Vielleicht hat er mich als sein neues Opfer auserkoren und mich deshalb angesprochen? Ich kann das nicht glauben, nein, so wirkt er wirklich nicht. Aber sind das nicht die Schlimmsten? Der Fahrstuhl hält an und er trabt mir brav den Gang entlang hinterher. In der Wohnung angekommen, stelle ich die Taschen ab, er die, die er getragen hat daneben und ich frage ihn, ob er ein Bier haben will. Eisgekühlt, versteht sich. Er nickt und schaut sich um. Ich habe das Apartment noch nicht lange, es ist teuer und ich habe lange überlegt, bis ich mich entschlossen habe, es zu nehmen. Ich bereue es nicht. Ich öffne den Kühlschrank und weiß noch immer nicht so recht, was jetzt werden soll. Der Sonnenmann, ich kann ihn einfach nicht bei seinem richtigen Namen nennen, den ich drei Jahre lang nicht kannte, schaute sich ein Foto von Lilly an. Sie ist eine hübsche Frau, mit blonden Locken. Ich bin froh über die Klimaanlage und schwitze schon nicht mehr. „Wer ist das?“, fragt er. Ich gebe ihm das kühle Bier und nehme selbst einen Schluck aus meiner Flasche. „Eine Freundin.“, sage ich dann und füge in Gedanken hinzu: Und meine Psychologin, die ich brauche, weil du meinen Bruder umgebracht hast. Er war erst 16 verdammt! Er hatte noch das ganze Leben vor sich. Und ich? Ich fühle mich mit 23 schon total am Ende. Er zuckt die Schultern lehnt sich auf dem blauen Sofa zurück. „Was machen Sie von Beruf her?“, frage ich. Es klingt, als ob ich nicht wüsste, worüber ich sonst reden soll, aber es interessiert mich. Was für einen Beruf hat der Mörder meines Bruders? Einen recht gewöhnlichen, denn er sagt: „Ich arbeite als Illustrator. Bringt nicht viel ein.“ Er lacht wieder. Es ist ein dunkles, schönes Lachen. Es passt alles nicht zu unserer letzten Begegnung. „Und Sie?“, fragt er und sieht sich noch einmal um und trinkt etwas von dem Bier. „Ich bin Fotografin. Die Fotos an den Wänden sind von mir. Meistens arbeite ich selbstständig und biete meine Ergebnisse einzelnen Zeitschriften oder Zeitungen an. Ab und zu geben diejenigen, die mit meinen Arbeiten zufrieden sind, mir auch Aufträge.“ Er nickt und steht auf, um sich die Bilder genauer anzusehen. „Unsere Berufe sind sich ähnlich.“, murmelt er und betrachtet ein Bild von einem Friedhof in West New York. Was er nicht weiß ist, dass das Grab von meinem Bruder oben rechts im Bild ist. Würde er sich jeden Namen durchlesen, käme er irgendwann zu Patrick Barksland. Er würde fragen, ob das ein Verwandter ist. „Ja!“, würde ich schreien. „Das ist mein Bruder! Du hast ihn umgebracht!“ Und dann würde ich ihm meine Bierflasche über den Schädel ziehen und während er sich wieder aufrappelt, würde ich mein Tränengas holen... Aber er geht weiter und ich bin froh darüber. Ich labe mich an meinem kühlen Bier und sehe ihm zu, wie er in seinem weißen T-Shirt mit der dunklen Jacke darüber und der weiten, schwarzen Hose von Bild zu Bild geht und schließlich bei einer Ansicht von einer Ruine verweilt. „Wo ist das aufgenommen?“, fragt er und dreht sich zu mir um. „In Europa.“ „Sie waren in Europa?“ „Ja. Als ich 18 war.“, sage ich und unterdrücke eine leichte Melancholie, die in meiner Stimme mitzuschwingen droht. Jede Woche habe ich meinem Bruder geschrieben. Jede Einzelne und er hat mir jede Woche geantwortet. Er war meine Verbindung zur Heimat, in den Monaten, wo zu Hause so fern schien. Er lächelt verschmitzt. „Wenn ich fragen darf, wie alt sind Sie jetzt?“ Es ist unhöflich Fragen über das Alter zu stellen, finde ich. Er muss meinen missbilligenden Blick gesehen haben, denn er hebt beschwichtigend die Hände. „Sie müssen es mir ja nicht sagen...“ „Vor 5 Jahren war ich in Europa.“, erwidere ich nur, aber beantworte so seine Frage. Er lächelt noch immer und wendet sich wieder dem Bild zu. „Es gefällt mir.“, sagt er und inspiziert es ausgiebig. „Und Sie? Wie alt sind Sie?“, frage ich herausfordernd und trinke den letzten Schluck meines Bieres. Er lacht, dreht sich allerdings nicht um und antwortet dann: „27. Ganz schön alt.“ Ich hätte ihn für jünger gehalten und sage es ihm auch. Das ist ebenfalls unhöflich, aber wie du mir, so ich dir, Schätzchen. Er zuckt die Schultern und trinkt noch etwas. „Reisen Sie gerne?“, fragt er dann und schaut sich noch etwas um. Ich denke an meine Europa Tour und wieder breitet sich etwas Melancholie aus. „Ja. Aber bisher bin ich nur einmal in Europa gewesen und dort etwas herumgereist.“ „Naja immerhin etwas. Ich war nur ein einziges Mal außerhalb Amerikas, nämlich in Norwegen, die Familie besuchen.“ Das er skandinavisch aussieht, war mir gleich aufgefallen und hatte mich auch etwas fasziniert, muss ich zugeben. „Sagen Sie mal was.“ Er scheint verwirrt. „Auf Norwegisch, meine ich.“ Sein Gesicht hellt sich auf. „Hm... Das habe ich schon lange nicht mehr gesprochen.“ Als ich denke, er sagt nichts mehr, tut er es doch: „Jeg liker din måten å le på.“ Es hört sich gut an. Es erinnert mich an andere Sprachen, die ich auf meiner Reise gehört habe und plötzlich scheine ich ihn schon seit damals zu kennen, seit damals in Europa. „Und was haben Sie da gerade gesagt?“, ich bin wirklich neugierig, aber ich vergesse nicht, trotz aller Sympathie die ich für ihn empfinde, dass er ein Mörder ist. Er schaut aus dem Fenster. Er sagt: „Mir gefällt, wie du lachst.“ Ich lächle und setze mich zu ihm, nicht zu nah, aber trotzdem so, dass wir nicht weit von einander entfernt sind. Wir reden ein bisschen. Er erzählt von Norwegen, wo seine Schwester ein Haus hat und ich erzähle von meiner Europareise. Die Zeit vergeht schnell und bald ist das Licht fahl und das Neonlicht der Stadt flackert auf. Er schaut auf die Armbanduhr und beendet seine Anecktode über den Mann seiner Schwester. Ich nehme die schon lange geleerten Flaschen und bringe sie in die Küche, damit ich sie bei der nächsten Gelegenheit entsorgen kann. Währenddessen hat er seine Jacke wieder angezogen, die er bei Zeiten ausgezogen hatte. „Ich verabschiede mich.“, sagt er und dann: „Waren Sie schon in Little Italy Essen?“ Ich nicke. „Ist schon etwas her, aber, ja.“ „Hätten Sie vielleicht Lust sich nächste Woche von mir dorthin einladen zu lassen?“ Ich lächle. „Natürlich.“, dann drehe ich mich um und krame mein Portemonnaie heraus, um ihm eine Visitenkarte zu geben. Er steckt sie sorgfältig ein, verabschiedet sich und verspricht sich bald zu melden. Jetzt bin ich wieder allein und es ist in seltsames Gefühl, eine Mischung aus Euphorie und Verzweiflung. Ich habe den Mörder meines Bruders gefunden, aber ich glaube ich mag ihn. All die Jahre hatte ich das Bild eines Monsters in meinem Kopf. Das eines Psychopaten. Und nun das! Er ist ein gutaussehender Norweger, der Kinderbücher und Gruselromane illustriert, eine gute Kombination übrigens. Aber meine Rache wird nicht lange auf sich warten lassen. Egal was geschehen mag, ich schwöre dir, meinem Bruder, dass ich dich rächen werde. Er ist und bleibt ein Mörder. Der Polizei kann ich nicht damit kommen, die haben den Fall schon zu den Akten gegeben. Natürlich könnte ich ihn wieder aufrollen lassen und meine damalige Aussage, dass der Mörder ein Sonnentattoo auf der rechten Hand hat würde vielleicht eine Festnahme bewirken. Aber ich glaube nicht daran, dass sie ihn verurteilen würden. Außerdem ist es nicht Strafe genug, auf Kosten des Staates zu wohnen und die Todesstrafe wird er für diesen Mord sicherlich nicht bekommen. Und wenn er einen guten Anwalt hat, wird er sowieso schnell freigelassen. Ich bleibe bei meiner Selbstjustiz, auch wenn das für mich Konsequenzen haben wird, das ist es mir wert.

Er meldet sich am Dienstag, 4 Tage nach unserer Begegnung. Ich hatte schon fast Angst, er würde es nicht tun, denn dann würde es wieder heißen: Ich musste ihn suchen. Aber ich weiß seinen Namen, insofern er mir seinen echten genannt hatte, wovon ich aber ausgehe. Wir verabreden uns für abends, er holt mich ab. Ich überlege, was ich anziehen soll und entscheide mich für etwas schlichtes, aber figurbetontes. Wofür sonst gehe ich ins Fitnessstudio? Meine Wahl fällt auf ein schwarzes Top mit breiten Trägern, einen knielangen, leichten dunkelblauen Rock und dazu einen schwarzen Wickelgürtel. Ich will keine Stöckelschuhe oder Pumps anziehen, das ist mir für heute zu unbequem. Ich nehme Keilabsatz Sandalen im Espadrille-Stil. Kaum bin ich fertig, klingelt es auch. Ich mache mir schnell einen Zopf und gehe zur Tür. Mein Blick streift die Wanduhr. Er ist überpünktlich, aber das ist mir nur Recht. Er hat ein deutsches, teures Auto und er sagt mir, dass es sein ganzer Stolz ist, er lacht dabei. Die Fahrt dauert nicht sehr lange, die Straßen sind frei, der Berufsverkehr ist bereits abgeebbt. Little Italy liegt dicht bei Chinatown, aber ich bin weder in der einen, noch in der anderen Ecke der Stadt oft gewesen. Ich bin eine miserable Köchin aber Essengehen ist mir meist zu teuer, deshalb steht mein Kühlschrank voller Instant Sachen. Ich erzähle es ihm. Er sagt, er sei ein guter Koch und lädt mich ein, das einmal herauszufinden. „Gern.“, murmle ich und steige aus, denn wir sind dort angekommen, wo Daniel gedachte, mit mir essen zu gehen. Es ist ein kleines, gemütliches Restaurant und ich mag es auf Anhieb. Man weist uns einen Platz zu und wir bekommen die Speisekarten gereicht. Ich studiere sie eingehend, bis ich mich für Pasta entscheide, und dazu einen guten Wein, den ich allerdings Daniel auswählen lasse, denn er hat, wie er mir erklärt, als Hobby-Koch gute Weinkenntnisse. Er selbst nimmt Pizza. „Es gefällt mir hier. Sind Sie oft hier?“ Er nickt. „Ab und zu. Das Essen ist sehr gut und ich wohne nicht weit entfernt, deshalb komme ich öfters hierher, wenn es zu spät ist um noch selbst etwas zu kochen.“ Ich genieße es, mit ihm hier zu sein. Er hat seine roten Haare zu einem winzigem Zopf zusammengenommen und er trägt diesmal eine weiße Bluse, welche er leicht offen stehen hat, darüber einen schwarzen, leichten Blazer und eine Jeans im Used-Look. Es sieht sehr gut aus und er wirkt lässig. Das Essen kommt schnell und schmeckt vorzüglich. Nur in Italien selbst habe ich vergleichbare Pasta gegessen. Wir unterhalten uns über unsere Jobs und er bringt mich immer wieder zum lachen. Am Ende des Abends sind wir beim Du angelangt und ich weiß schon so viel über ihn. Es fällt mir schwer, in ihm den maskierten Mann von damals zu sehen. Aber mir bleibt wohl nichts anderes übrig. Ich bin vom Wein schläfrig und Daniel fragt mich, ob ich bei ihm übernachten will. Er würde auf dem Sofa schlafen, sagt er verschmitzt und ich bin überrascht, dass er so zuvorkommend ist. Zu Hause beim Mörder meines Bruders. „Ja, danke.“, stammle ich und wir verlassen das Restaurant. Die kühle Abendluft steht im Gegensatz zu den heißen Sommertagen und ich bin froh, als er mir die Jacke über die Schultern legt. „Danke. Auch für die Einladung, es war wirklich sehr angenehm.“ Er lächelt nur und wir steigen in sein deutsches Auto. Mir scheint es so, als ob der Abend viel zu schnell vergangen ist. Die Jacke duftet nach seinem unverwechselbarem Geruch und ich atme ihn tief ein. Wir fahren nicht weit, denn, wie Daniel es bereits gesagt hatte, wohnt er nicht weit von Little Italy. In der Nacht wache ich auf, weil jemand geschrieen hat. Zu Erst weiß ich gar nicht, wo ich bin. Mir ist warm. Verdammter Sommer. Wieso habe ich noch meine Kleidung an? Ich erinnere mich langsam und springe aus dem Bett, das so sehr nach demjenigen riecht, der geschrieen hat. „Daniel!“, rufe ich und stürze ins Wohnzimmer: „Ist alles okay?“ Er sitzt aufrecht auf dem Schlafsofa, die Hände vors Gesicht geschlagen und als ich ihn leise anspreche reagiert er nicht. Es macht mir Angst. „Daniel... Daniel... Was ist denn? Dan? Sag doch was...“ Vorsichtig ziehe ich seine Hände vorm Gesicht weg. Seine Augen sind leicht gerötet. Hat er geweint? Die blauen Augen schauen durch mich hinweg und es scheint einen Moment zu dauern, bis er begreift wer ich überhaupt bin und was ich in seiner Wohnung tue. „Zoë...“, stottert er und einem Impuls folgend klammert er sich an mich, wie ein Ertrinkender an das Rettungsboot, in dem kein Platz mehr für ihn ist. „Ist ja alles okay.“, sage ich, allerdings hört es sich nicht so überzeugend an, wie es sollte. Ich streiche ihm vorsichtig übers Haar und als sein Griff nachgelassen hat, merke ich, dass er wieder eingeschlafen ist. Am nächsten Morgen entschuldigt er sich ausgiebig, und meint, es sei ein Alptraum gewesen, doch ich erinnere mich noch in den Schrecken in seinen Augen. Beinahe muss ich mir auf die Zunge beißen, um nicht zu sagen: „Wenn ich jemanden umgebracht hätte, hätte ich auch Alpträume.“ Aber ich sage es nicht, vielleicht tut er mir sogar etwas Leid, wer weiß. Er macht in seiner geräumigen Küche, die mit dem Wohnzimmer zusammengelegt worden war, Omelette und er kann mit Fug und Recht behaupten, dass er ein guter Koch ist, denn das Omelette sieht nicht nur lecker aus, sondern schmeckt auch fantastisch. Die Sonne strahlt durch die geöffneten Fenster und es verspricht ein warmer Tag zu werden, wie auch in den vergangenen Wochen. Um kurz nach 11 Uhr verlasse ich sein Apartment, um bei einem Verlag die Arbeit abzuliefern, die angefordert wurde. Er schaut mir hinterher und winkt lachend. Seine Wohnung ist sehr schlicht aber geschmackvoll eingerichtet, auch wenn es etwas unordentlich ist, aber das macht mir nichts. Einige Gruselromane lagen herum als ich hereinkam, und ich schaute mir die Illustrationen an. Fantasievoll, wenn auch dem Genre entsprechend grausam. Er hat da ja Erfahrung, dachte ich sarkastisch, schäme mich nun aber für diesen Gedanken. Wir telefonieren häufig und als ich an einem Zeitschriftenladen vorbei komme, kaufe ich mir aus einem Gefühl heraus einen Stapel Gruselhefte, welche Daniel illustriert hat. Zu Hause studiere ich sie eingehend, kann aber nicht einmal genau sagen, was ich mir davon verspreche. Einen Hinweis? Ein Geständnis? So oder so, dort ist nichts, was nicht der Geschichte dieser Hefte entspringt. Später am Abend kommt er mich besuchen und er ist sichtlich erfreut darüber, dass ich mir seine Werke gekauft habe. „Zoë, das hättest du wirklich nicht tun brauchen. Ich hätte dir über den Verlag kostenlose Exemplare besorgen können...“ Aber ich winke ab. „Ach, das war so schon ganz gut. Es hat mir Spaß gemacht, deine Arbeiten anzuschauen.“ „Darf ich dich zeichnen?“, fragt er plötzlich und ich hätte mich beinahe an dem Wein verschluckt, den er aufmerksamer Weise mitgebracht hatte. „Zeichnen?“, frage ich zweifelnd und nippe an dem bauchigem Weinglas. Er nickt ernst und sieht mich prüfend an. „Na gut. Wenn du möchtest.“, gebe ich, noch etwas missmutig, nach. Er reckt sich und greift nach der ledernen Tasche, die er meistens bei sich hat, wenn wir uns treffen. Er kramt etwas und zieht dann einen Block und etwas Kohle hervor. „Also gut.“, meint er und bittet mich, dies oder jenes zu tun, damit er mich gut im Blick hat. Letztendlich sitze ich mit offenen Haaren, dem Weinglas in den Händen und angezogenen Beinen auf dem Sofa, über das er, als besseren Hintergrund, die Überdecke gelegt hat. Noch nie habe ich ihn so konzentriert gesehen und wenn ich ihn da so sitzen sehe, ganz vertieft in sein Werk, dann tut es mir weh, zu wissen, dass ich ihn töten werde. Denn das werde ich ganz gewiss. Trotzdem ist es mir sofort klar, dass es ein Fehler ist, wenn er mich zeichnet. Es verbindet uns so sehr... Er lächelt mir ab und zu ermutigend zu, denn er scheint zu wissen, dass es ganz schön anstrengend ist, so lange still zu sitzen. Ich lächle zurück und bin schon gespannt, wie es aussehen wird. Dass Dan gut zeichnen oder beziehungsweise gut malen kann, wusste ich spätestens seit ich seine Werke gesehen hatte. Doch nach schier endloser Zeit, als ich dabei bin mir vorzustellen, dass ich einen Krampf in der Hand mit dem Weinglas bekomme, senkt er den Stift. Kritisch wandert sein Blick von mir zu seiner Zeichnung auf dem Block. Noch einige Verbesserungsstriche und seine so verdunkelte, konzentrierte Miene hellt sich auf. „Fertig.“, sagt er und ich spüle erleichtert den Wein herunter, der mir die ganze Zeit vorm Gesicht schwebte und einen süßlichen Duft verströmt hatte. Er reicht es mir mit ernster Miene über den kleinen Holztisch hinweg und ich betrachte es. Es ist wirklich sehr gut geworden. Er hat mich gut getroffen und selbst die Lichtreflexe des Weines hatte er realistisch mit der Kohle abgebildet. Ich bin etwas perplex. Man sagt ein Künstler steckt seine ganze Liebe in so ein Bild und obwohl es nur eine Skizze ist, scheint es zu stimmen. Liebevoll hat er sich jedem Detail angenommen und den Augenblick dieses Tages scheinbar unvergänglich auf das raue Papier gebannt. Er reißt mich aus meinen Gedanken, als er fragt: „Little Italy?“ Er lacht als er mein verdutztes Gesicht sieht. „Vor genau drei Monaten haben wir uns getroffen. Darf ich dich zum Jubiläum, sozusagen, mal wieder zum Essen einladen?“ Ich lächle überrascht. Daran hatte ich nicht gedacht, wo ich doch sonst ein so Vergangenheitsbezogener Mensch bin. Ein gehässiger Gedanke... „Gern.“, murmle ich nur und denke daran, dass ich nicht zum Ausgehen angezogen bin. „Fürs ausgehen bin ich gar nicht angezogen...“, erkläre ich ihm und sehe in seine tiefen, blauen Augen. „Du siehst auch so hinreißend aus, Zoë.“, sagt er verschmitzt und ich werfe ein Kissen nach ihm. „Nanana.“, lacht er und legt es neben sich. Also gehen wir so. Mit seinem Auto fahren wir die Fifth Avenue entlang, dann biegen wir in den Broadway ein. Nachdem wir auf der Canal Street ein Stück gefahren sind, biegen wir noch ein-, zweimal ab und nun steht der Wagen vor dem kleinen, italienischen Restaurant, in welchem wir letztes Mal auch gegessen haben. Der Kellner erkennt uns und weist uns lächelnd einen kleinen Tisch. Alles erinnert mich an unser erstes Essen und ein wohliges Gefühl breitet sich in mir aus. Man bringt uns die Speisekarte und ich schaue nach der Pasta, die ich das letzte Mal gegessen habe. Daniel hat die Karte bereits weggelegt und beobachtet mich, wie ich noch suche. „Wusstest du, dass geübte Weinkenner nur anhand des Geschmackes herausfinden können, aus welchem Land er stammt, welche Trauben verwendet wurden und an welchem Hang die Reben gewachsen sind und vielleicht auch welcher Jahrgang der Wein ist?“ Ich bin etwas überrascht. „Das schmeckt man?“ „Ja, ein Weinkenner schon.“ Er stützt den Kopf auf die Hände. „Italienischer Wein ist zum Beispiel süßer als Deutscher. Aber ich mag besonders gern Französischen. Es gibt auch ein paar gute kalifornische Weine, aber die Europäischen mag ich lieber. Und wenn der Wein an einem Südhang gereift ist, ist er ebenfalls süßer.“ Ich winke ab. „Bestell einfach Einen, so wie letztes Mal. Der hat mir geschmeckt.“ Seine Miene hellt sich auf. „Einen aus Südfrankreich!“ „Mir egal.“ Er zuckt lächelnd die Schultern und ich beschließe, doch etwas anderes zu essen, als letztes Mal. Man will ja abwechslungsreich sein. Der Kellner nimmt uns kurz darauf die Bestellungen ab und es entsteht ein Moment des Schweigens. Aber ich fühle mich gut, es ist ein warmes Schweigen. Ich muss zugeben, ich genieße unser Zusammensein, auch wenn da ein schmerzhafter Zwiespalt in mir entsteht. Auch wenn ich ihn gern habe, ist er unumstritten der Mörder meines Bruders und ich kann nicht verzeihen, was er getan hat. Ich habe mir Rache geschworen und nun ist der Moment gekommen. Nicht mehr lange und der Todestag jährt sich zum 3. Mal. Drei Jahre habe ich nach dem Mann mit dem Sonnentattoo gesucht, ich habe schlaflose Nächte damit zugebracht mich von Hass und von der Verzweiflung leiten zu lassen und nun, nun zögere ich... Ich will mich entscheiden: Verübe ich meine Rache nicht an Patricks Todestag, dann erfolgt sie nie. Es ist ein Ultimatum für mich selbst. „Alles okay?“, fragt mein Gegenüber höflich. Er holt mich aus diesen Gedanken und ich nehme wahr, wie kurz ich davor war, zu weinen. Ich – weinen! Das macht mich irgendwie wütend. Ich weiß auch nicht warum. „Was bedeutet das Tattoo?“, frage ich ihn stattdessen so ungezwungen wie möglich. In all der Zeit in der wir uns schon kennen, hat er es nie erwähnt und ich habe auch nie danach gefragt, obwohl es mich brennend interessiert. Er versteift sich für eine Sekunde und sein Lächeln scheint zu gefrieren. Ich hab dich, denke ich und schaue ihn herausfordernd an. Wenn du nur wüsstest... Aber eigentlich ist es gemein. Ich spüre seine Reue. Ich sehe den Schmerz in seinen Augen, wenn er Nachts aus dem Schlaf schreckt. Vielleicht bringt er das Tattoo gar nicht mit jener Nacht in Verbindung. Er weiß nicht, dass ich sie gesehen habe, die Sonne. Und er weiß nicht, dass mir der Augenblick, in dem der Ärmel seiner Lederjacke etwas nach oben verrutschte, unvergesslich ist, denn damals sah ich die Sonne das erste Mal. Seine Züge entspannen sich ein wenig. „Mein Bruder und ich haben dasselbe. Wir haben es uns vor über zehn Jahren machen lassen.“ Er lacht melancholisch. „Es war das einzige, was uns beiden gefiel.“ Dann schweigt er und plötzlich sieht er eingefallen aus. Hätte ich nur nicht gefragt... Aber was hat es zu bedeuten, dass sein Bruder das selbe Tattoo hat? War es am Ende sein Bruder damals? Nein. Die Narbe. Ich muss auf darauf gestarrt haben, denn er folgt meinem Blick und sagt: „Dann hatten wir diesen Unfall, gar nicht so lange danach. Ich zog nur einige, wenige Narben davon, aber er überlebte es nicht. Seit dem sind diese Narben eine Art Stigmata der Vergangenheit geworden.“ Wie wahr, wie wahr! „Das tut mir leid.“, sage ich und es tut mir auch wirklich aufrichtig leid. Ich weiß schließlich wie das ist, wenn der Bruder vor den eigenen Augen stirbt. Einen Moment bin ich versucht das zu sagen, aber dann lasse ich es doch. Bald erst ist dafür die Zeit kommen. Unser Essen wird gebracht und wir wenden uns fröhlicheren Themen zu. Es ist ein entspannter Abend und auch der Wein, den Dan bestellt hat, schmeckt vorzüglich. Doch etwas ist da, das falsch ist, ich kann es nicht erklären, es ist nur ein Gefühl... Einige Tage später übernachte ich bei ihm. Es ist die Nacht auf Patricks Todestag und wenn ich jetzt durch seine Tür gehe, weiß ich dass ich diese Nacht keinen Schlaf finden werde. Ich weiß, dass nun der Tag der Rache gekommen ist und in 24 Stunden wird der Mörder meines Bruders seine gerechte Strafe erhalten haben. Wir haben vor, den Abend in Ruhe vor dem Fernseher zu verbringen und waren vorher einkaufen: Chips, Bier, Eis, das Übliche halt. Wir laden die Sachen in der Küche ab, und ich stelle die Chips und zwei Bierflaschen auf die Durchreiche, während Dan das Eis ins Kühlfach legt. „Das brauche ich nach dieser anstrengenden Woche – einen entspannenden Abend mit meiner Liebsten!“ Er lacht dieses warme, tiefe Lachen und ich schenke ihm ein trauriges Lächeln. Mir ist unwohl, wenn ich daran denke, was in dieser Nacht geschehen wird. Wir machen es uns zusammen auf der Couch bequem und schauen uns zuerst eine dieser unsäglichen Talkshows an, bis etwas später am Abend ein einigermaßen vernünftiger Spielfilm läuft. Ich hasse amerikanisches Fernsehen. Ich liege hier in seinen Armen und weiß kaum, ob ich lachen oder weinen, frieren oder schwitzen soll, denn endlich ist die Rache mein. Die Rache ist mein – es hört sich an wie in einem schlechten, amerikanischen Film. Vielleicht sollte ich nach Europa auswandern. Ich mag französische Filme, seit ich damals in Frankreich welche gesehen habe. Die haben Tiefgang und gute Schauspieler. Sogar Johnny Depp ist nach Frankreich ausgewandert und meiner Meinung nach weiß der, was gute Filme sind. Das sage ich Dan und er lacht. Er sagt: „Lass uns nächstes Jahr zusammen nach Frankreich fahren. Nach Cannes, diesem Filmfest.“ Ich rieche seinen Geruch, spüre seine Wärme, seine Liebe und ich bin traurig – so unendlich traurig! Aber ich werde jetzt nicht aufgeben. Nicht so kurz vor dem Moment, auf den ich Jahre gewartet habe. Ich bin verzerrt vor Hass und Liebe, ich bin traurig und glücklich in den Armen eines Mörders. Der Mörder meines Bruders! Er legt mir eine Decke um die Schultern und ich merke, dass ich zittere. Ich lächle. „Danke.“ Ich sage es leise, denn ich habe Angst, dass, wenn ich es laut sage, alles aus mir heraussprudelt, dass ich ihm alles beichte. Dass ich will, dass er mir verzeiht, dass ich ihm verzeihen kann. Damit es nicht passiert, sage ich es leise. Es ist das erste Mal dass wir uns küssen und es ist wunderbar, seine Wärme, sein Duft, sein Geschmack. Und ich drücke meinen Mund auf seinen, damit ich nicht reden kann, damit ich ihm nicht sagen kann, dass ich ihn liebe, damit ich ihm nicht schwören kann, dass ich ihm niemals etwas antun werde. Nachdem wir zu Bett gegangen sind, liege ich lange wach, erst als Mitternacht vorüber ist, weiche ich von Dans Seite und schleiche in die Küche, zu seinem Messerblock. Es ist ein unwirkliches Gefühl hier in der Kälte der Nacht zu stehen, mit einem Messer in der Hand, weil man seinen Liebsten töten wird. „Patrick.“, flüstere ich und es hört sich beinahe wie eine magische Formel an, die mir Kraft geben wird. „Für dich, Bruder.“ Meine Sinne reagieren über und ich fühle zuviel, ich sehe, höre zuviel. Ein fahler Geschmack ist in meinem Mund, doch ich gehe zurück. Ich stehe vor seinem Bett, ich stehe vor diesem friedlichen Gesicht... Vor diesem Mann, der mir Liebe und Vertrauen geschenkt hat. Ich hebe das Messer. Der Mann, der mir meinen geliebten Bruder genommen hat! Ich harre aus. Er seufzt leicht im Schlaf und ich kann die Tränen nicht länger zurück halten. Sie rollen über meine Wangen und ich kann das Messer nicht länger in meinen feuchten Händen halten. Klappernd fällt es zu Boden und Dan schreckt auf. Einen Moment ist er verwirrt, dann bemerkt er mich, wie ich weinend vor dem Bett knie und er hilft mir, mich auf die Bettkante zu setzen, wo er mich in den Arm nimmt und mich tröstet. Das Messer liegt unbemerkt unter dem Bett und ich lasse es dort. Das einzige, dass ich jetzt, in dieser Nacht noch will, ist Schlaf. Ich will von ihm gewärmt schlafen, seinen Atem auf meiner Haut – seinen Geruch um mich herum. Den Sonntag verbringe ich bei Lilly. Ich habe ihr Dan nicht vorgestellt und ich habe es auch nicht vor. Sie würde die Sonne erkennen. Sie würde erkennen, dass ich ihn töten werde – noch heute. Sie weiß, heute ist Patricks Todestag und sie ist schon seltsam davon berührt, dass ich dieses Jahr nichts von der Rache sage, die mich jedes Jahr von Neuem erfasst hatte. „Hast du es vielleicht endlich verarbeitet?“, fragt sie und nippt an dem Tee. Ich zucke die Schultern und sage nichts. Abends will Dan bei mir vorbeikommen – ich bereite rechtzeitig alles vor. In der letzten Nacht habe ich gemerkt, dass ich ihn nicht mit einer Waffe töten könnte, also habe ich mir etwas anderes ausgedacht. Mir ist warm und ich sehne mich nach dem Herbst. Warum bleibt es bloß in der Stadt viel länger wärmer als auf dem Land? Ich kann es mir ja erklären, aber nerven tut es trotzdem. Als Kind hatte ich Heuschnupfen und seitdem hasse ich den Sommer, mit seiner immer wiederkehrenden Hitze, der stickigen Luft, die sich in den Straßen New Yorks staut... Vielleicht sollte ich schon jetzt einen Flug nach Europa buchen und morgen in der Frühe verschwinden. Wenn jemand mich verdächtigt ihn umgebracht zu haben bin ich vielleicht schon in Italien, Schweden oder Griechenland. Aber es könnte auch sein, dass niemand merkt, dass ich ihn vergiftet habe. Ich schütte uns vorsichtig zwei Gläser Wein ein, Wein den Dan so gerne mag, es ist Französischer. Es erfüllt mich mit einer gewissen Ironie! Ich stelle die Gläser so, dass Dan das mit Gift nehmen wird. So, dass ich ihm gegenüber sitzen werde, wenn er seine gerechte Strafe erhält! Mir ist unwohl bei dem Gedanken, doch ich versuche mich auf das Gesicht meines Bruders zu konzentrieren. Sein überraschtes Gesicht, als er... Als er starb. Ich führe es mir vor Augen und es klingelt. Ich bin bereit. Ich öffne ihm, ein letztes Mal. Er umarmt mich und ich rieche seinen Duft – ein letztes Mal! Wir küssen uns – ein letztes Mal? Er legt seine Jacke in die Geraderobe und ich weiß, er wird sie nie wieder anziehen. In der Küche lobt er mich für die Tischdeko und begutachtet den Wein. Sein Gesicht strahlt, mir wird warm ums Herz, das muss ich zugeben. „Französischer Wein... Perfekt!“, er lächelt mir zu und seine Augen versprühen dieses Vertrauen, das mir fast wehtut. Nein, nicht nur fast, es tut mir weh. „Setzen wir uns doch.“, sage ich und hoffe, dass er diesen Schmerz nicht sieht. Doch er wird ernst, kaum haben wir uns gesetzt. Etwas Finger – Food steht auf dem Tisch; ja, es ist Instant; und er nimmt sich nervös etwas, nimmt einen tiefen Schluck Wein. Einerseits dauert es eine Ewigkeit, wie der Wein seine Kehle hinunterläuft, andererseits ist es so schnell vorbei, dass der Impuls ihm das Glas wegzuschlagen zu spät kommt. „Ich muss dir etwas gestehen Zoë. Als ich dir von meinem Bruder erzählt habe, habe ich gelogen. Ich habe mich für ihn geschämt, aber Zoë – mir ist klar geworden wie wichtig du mir bist und ich möchte ehrlich zu dir sein.“ Er nimmt noch einen Schluck, schenkt sich nach. Überall ist Gift – nur in meinem Glas nicht. In der Flasche, in seinem Glas, in ihm nun. Ich warte darauf, dass es wirkt. Ich hoffe darauf, dass nichts geschieht... Ich weiß, dass es nicht mehr lange dauern kann. „Mein Bruder Niels ist nur ein Jahr älter als ich, aber wir sind sehr verschieden. Ich weiß nicht, aber ich war immer der Stillere von uns beiden – hab gerne gemalt und so.“ Er seufzt und schaut in sein Glas. „Der Unfall... Das mit dem Unfall war gelogen.“ Nun schaut er mir in die Augen und ich habe das Gefühl, dass etwas gewaltig schiefläuft. Dass ich etwas vergessen habe... Übersehen... Was war es? Was zur Hölle war es?! Doch Dan fährt unbeirrt fort und spielt nervös mit dem Feuerzeug, das ich dazu verwendet hatte, die Kerzen auf dem Tisch anzuzünden. „Es gab keinen Unfall und er ist auch nicht tot, nein... Ganz im Gegenteil.“ „Aber... Aber die Narbe...“, ich weiß es, ich ahne es, aber es darf nicht sein. Es darf nicht sein, es kann nicht... Nein! „Die Narbe... Obwohl wir so verschieden waren, haben wir uns dieses Tattoo gestochen um uns näher sein zu können. Wir wurden oft verwechselt und trieben dieses Spiel des Rollentausches bis zur Spitze. Wir nahmen Vaters Rasierklinge und schnitten uns in die gleiche Stelle über dem Tattoo. Wir waren 16 und 17, aber die Narbe ist nicht weggegangen. Der Einzige Unterschied daran war, dass ich das Tattoo Rechts und er Links hatte... hat. Er... er ist im Gefängnis und ich will mich nicht länger für ihn schämen, oder ihn verstecken. Zoë, du hast mir so viel Kraft gegeben, dass ich glaube, dass ich endlich über meinen Schatten springen kann. Ich glaube, ich werde ihn endlich nach drei Jahren besuchen, komm mit mir!“ Ich bin erstarrt, ich bin gestorben. Ich sage: „ Warum sitzt er im Gefängnis?“ Seine Stimme kommt von Weit her zu mir, sie sagt: „ Raubüberfall. Außerdem steht er im Verdacht einen weiteren Überfall begangen zu haben, bei dem ein junger Mann ums Leben kam, sein Name war... Patrick... –“ Jetzt werden seine Augen glasig und ich frage mich, ob es am Gift liegt oder an der Erkenntnis. „-Barksland. Zoë...?“ Er fragt mich nicht, er braucht es nicht. Und ich, ich weiß, was ich übersehen habe: Der Täter war Linkshänder, doch Dan ist Rechtshänder. Er konnte es nicht gewesen sein. Er war unschuldig. Er war die Liebe meines Lebens, meine Stütze, meine Kraft. Die Rache allein hatte die Wirklichkeit in mir vertrieben: Ich hatte Patricks Tod längst überwunden, denn Dan war für mich da gewesen und hatte meine Wunden geheilt... Nur ich hatte es nicht gesehen, meine Augen waren verschleiert.... Aber jetzt sehe ich klar, ich weiß, was ich zu tun habe. Ich stehe auf. Ich merke, dass ich weine, aber es ist egal, alles ist egal... Ich nehme die Flasche, ich trinke daraus – einige Tiefe Schlucke. „Dan,“, sage ich: „Dan...“ Er ist nicht mehr bei Sinnen. Er will etwas sagen, doch er kann nicht mehr. Es hört sich an wie: „Cannes“, doch es ist zu schwach, zu vergänglich. Dicht neben seinem Ohr sage ich: „Ich liebe dich.“ Ich sage es leise, damit ich nicht mehr sagen kann... Ich setze mich auf seinen Schoß, es ist noch so warm hier... „Ich liebe dich so sehr...“ Ich sage es leise. Leise, damit ich ihm nicht schwören kann, das alles gut wird.

 

 

 

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